Die Schneiderin riet sofort richtig.
„Contessa Pardi! Da wäre es aber eine Beleidigung, wenn ich meine Preise herabsetzen wollte.“
Das Glück, in Stoffen zu wühlen, sich im Geiste mit ihnen zu schmücken, sie vor dem Spiegel um sich her zu legen, belebte Mai. Sie sprach nicht mehr klagend, sie gestand, Lust nach einem sehr guten Diner zu haben. Am nächsten Morgen ließ Lola sich Paolos ungewöhnlich hohen Check auszahlen. Allein spazierte sie durch die helle, feine Stadt, die ihr zulächelte, ihr all ihre Eleganz, all ihre unbesorgte Sonne anbot. „Die Tosca! Schon jetzt, anfang September: welch Glück! Also heute Abend die Tosca.“ Ein Romantitel lockte sie an; und auf der Hotelterrasse, zwischen zwei Sitzungen bei der Bossi, las sie. Unter ihr wurden Blumen ausgerufen und warmer Duft stieg herauf. Der Fluß wiegte sich, hinter den im Dunst zerschmolzenen Brücken, golden und frei, zu glücklichen Hügeln hinaus. Glücklich war doch jener Sommer gewesen, dort zwischen den Hügeln! Straßen, einst fröhlich beschritten, fielen Lola ein; eine mündete plötzlich bei einem Landhause in Fontainebleau, mit einem jungen Menschen, von dem sie geliebt worden war. Der Arme! Wie leidenschaftlich hatte sie selbst eine Woche lang die Giannoli geliebt, nach jenem Abend in Brüssel, als sie die Euridike sang! Sie hatte sie besucht . . . Die Blumen, die sie ihr brachte, ähnelten einer, die am Rande eines Abgrunds in den Pyrenäen stand. Ein ganz schmaler Pfad führte hinab, und vor dem letzten Schritt war Lola entsetzt umgekehrt . . . Sie lächelte, ohne zu wissen, wo sie war, in die Sonne hinaus. Aufschreckend: „Aber ich bin wahnsinnig, daß ich heirate! Will ich denn alles, alles aufgeben? Was habe ich heute mit meiner Zeit getan? Ich bin gewohnt, sie zu verschwenden, und künftig soll ich unter Vormundschaft stehen. Es ist so selbstverständlich, daß es schlimm werden muß. Ja: und grade, wenn etwas gar zu selbstverständlich ist, kommt ein Zeitpunkt, wo man davon absieht . . . Pardi ist mir bekannt; aus dem, was ich mit ihm schon erlebt habe, kann ich alles Kommende ableiten. Über nichts werde ich mich zu beklagen haben, ich werde es gewollt haben . . .“ Und in Hast: „noch kann ich mich retten!“
Aber sie zerriß den begonnenen Absagebrief. Denn wie sie ihm den Irrtum des Geschehenen klar zu machen suchte, fand sie vielmehr auf den unvermeidlichen Weg zurück, der hierher geführt hatte. Da Silva und die vor ihm, waren an diesem Wege die Leidensstationen. Bei dem ersten biß man noch die Zähne zusammen und kam durch. Pardi war grade dort, wo man hinfiel. „Sein Unglück: auch seins; denn natürlich brauchte er eine Frau, die ihm schmeichelt und ihn betrügt. Aber ich kann ihm nicht helfen. So wenig wie mir. Wirklich, ich gehe sehend in alles hinein. Ich habe mein Blut zu büßen.“
Mai ließ sie zu sich bitten. Es war die flaue Vorabendstunde; man ist vom Tage verbraucht und entbehrt noch die Anregungen des Abends. „Um diese Zeit sollten wir uns in Ruhe lassen. Aber Mai begreift nicht, warum sie sich schlecht fühlt, und muß mit allem heraus.“
Mai lag auf dem Diwan und hatte wieder geweint.
„Ich habe nachgedacht,“ sagte sie wichtig, „und gefunden, daß du nicht für ihn paßt. Meine Mutterpflicht will, Lola, daß ich dir von dieser Heirat abrate.“
„Danke für deine gute Absicht, Mai, aber es ist zu spät.“
„Soll ich ihm schreiben?“ — ganz rasch; und da Lola stutzte, mit leidender Stimme:
„Ich sehe nämlich voraus, daß ihr beide unglücklich werdet.“