Beim Betreten des Schlafzimmers sah sie die Frau in Schwarz das Bett machen. Lola ward rot. Die Frau sagte, über das Bett gebeugt, im sachlichen Ton einer Mitwisserin:

„Die gnädige Frau wird viel Vergnügen gehabt haben.“

Lola dachte: „Mein Gott, was tun?“ Die andere sagte noch:

„Die Frauen lieben ihn sehr, und der Herr verdient es wohl. Befiehlt die gnädige Frau noch etwas? Die Kleider habe ich dort hineingehängt. Wenn Sie möchten, daß ich helfe, rufen Sie aus der Tür nach Maria. Hier gibt es keine Klingeln. Was wollen Sie, man muß Geduld haben.“

Lola dachte, allein: „Haßt sie mich nicht? Ist es ihr nicht zuwider, mir von dem zu sprechen, was sie selbst genossen hat? Möchte sie mich durch ihre Schamlosigkeit erniedrigen? Oder ist sie einfach sicher, daß er zu ihr zurückkehrt?“

Ihr Blick ward starr. Sie sah die starkknochigen Arme der Frau wie matt spiegelnden gelben Marmor um den Mann gelegt und seine Lippen, von brutaler Röte, auf ihr breites, schmachtendes Gesicht zukommen. Die dumpfgeistige Begierde der schweren Augen, in diesem schwarz umsträhnten, halbwelken, blaßlippigen Gesicht machte Lola erschauern. Die beiden Leiber vor ihr bebten, und sie bebte selbst. Sie stieß die Vision fort, wandte sich seufzend ab: „Ich will nicht!“ Dann: „Aber da ich ihn nahm? . . . War denn er der Mensch, den ich nicht entbehren konnte? Ach, das ist müßig. Schon hat er gemacht, daß alles, wonach es mich verlangt, in ihm ist. Jetzt habe ich zu machen, daß er gar nicht mehr von mir wegsehen kann. Viele mag er geliebt haben; jetzt aber ist die Reihe an mir.“

Sie legte Hut und Schleier ab, vertauschte ihr Reisekostüm mit einer Matinee aus Schleierstoff, lockerte ihre Frisur, legte leises Rot auf, half dem Glanz der Augen nach, schminkte die Fingernägel. Sie entblößte die Hand von Ringen und prüfte die Wirkung. Dann bettete sie sich auf den Diwan und wartete.

Zwei Tage lang gingen sie nicht aus. Lola wünschte, in der Galerie die Mahlzeiten hergerichtet zu finden, ohne daß jemand aufwartete. Die Dienerschaft durfte sich nicht an den Fenstern nach dem Garten zeigen. Am dritten Abend beschlossen sie Luft zu schöpfen; und als nach der von Lust durchbebten Stille das Tor vor ihnen aufging, warteten davor vier oder fünf bettelnde Greise. Lolas Blick traf eine Zwergin mit Kropf und Triefaugen. Schaudernd sah sie weg, machte schnellere Schritte, und Tränen des Zorns kamen ihr. Wie durfte in das erlesene Reich der Zärtlichkeiten, worin sie lebte, dies einbrechen! Plötzlich kehrte sie um, und in dem Gefühl, das werde sie der Störung, der Mahnung ledig machen, schüttete sie der Elenden all ihr Geld in die Hände. Dann, an Pardis Arm, mit zugedrückten Lidern:

„Sag’ ihr, daß sie zurückbleibt!“

Trotzdem folgte ihnen die Verkrüppelte noch bis an die erste Treppe. Mit heulender Stimme betete sie für ihre Wohltäterin. Einige Jungen überrannten sie, schlugen Purzelbäume und streckten schwarze kleine Handflächen hin, Pardi hieb mit dem Stock darauf. Sie lachten. Aus allen Häusern schallten Grüße. In die Türen, aus deren rauchiger Nacht die Kupferkessel blinkten, traten die Weiber mit den Säuglingen, reckten den freien Arm nach den Herren und wünschten Glück. Die Nachbarinnen gellten aus den Fenstern einander Lobsprüche zu, auf die Schönheit der jungen Frau. „Zu viel Schmutz für so schöne Füße!“ rief ein Mädchen und räumte eilends, mit vollen Armen, einen Haufen leerer Maiskolben von den Stufen, die Lola betreten sollte. Dann blieb sie hocken, den Blick über sich, auf Lolas Gesicht, mit einer leidenschaftlichen Schwärmerei, die Lola kannte: aus dem Blick der kleinen Tini.