Schlaff verdehnte Lola die Stunden, die er draußen war, in der kühlen Galerie, ließ die Zigarette herabhangen und genoß ein langsames Lächeln der Erinnerung. Unter ihren Augen der Alkoven und der Garten: das war die Welt; sie mochte nicht hinausdenken und faßte nicht, was jenseits sie hätte heiß oder kalt machen können. War sie selbst es, die lange gekämpft, gelitten hatte, bis sie dies Glück, gleich einer Schande, sich abgewandten Gesichtes gewährt hatte? Jetzt erwies sich das Sinnenglück als das allein vollkommene, als das einzige ungetrübte, mühelose, immer erreichbare. Kein quälender Gedanke, an Schicksal und Zukunft keiner, unterbrach es. Man hatte keine andere Bestimmung und erwartete nichts, als das Beben der letzten Lust.
Mit Zuneigung gedachte sie des jungen Hirten, der ernst auf sie herabgesehen hatte, als sie, an der Straße, den Mann auf den Mund küßte. Die ernste Schamlosigkeit der Natur füllte ihr die Augen mit Tränen der Zärtlichkeit. Zum erstenmal fühlte sie sich, kraft der Lust, allen Wesen gleich und nahe. Maria, die am ersten Morgen, über ihr Bett gebeugt, nach dem Vergnügen der Nacht gefragt hatte, war ihr kein Rätsel mehr. Lola redete die Frau an, wenn sie eintrat, behielt sie bei sich und plauderte. Sie brachte Maria zum Geständnis ihrer Liebe mit Pardi. Zwei Jahre war’s her, und ihr jüngstes Kind war von ihm. Ihr Mann wußte es; sie hatte zu büßen. Aber sie bereute nichts, denn viel hatte sie genossen. Schwachrote Wolken zogen auf der Höhe ihrer mürben Wangen zusammen, unter den schweren Augen, die erwachten. Die Arme auf den Knien verschränkt und die Büste darübergebeugt, kraftvoll bei ihrer Welkheit, saß sie vor Lola, die lässig lehnte in ihrer auf den Stacheln der Lust über sich selbst erhobenen Schwäche. Und sie sprachen einander von dem Manne, der sie beide erweckt und erfüllt hatte: genußsüchtige, nachschmeckende, hellseherische Worte, unter deren Tasten plötzlich der Schauer selbst wieder auflebte; die manchmal auffuhren zu einem Schrei der Eifersucht, und nun hinabsanken in ein Geflüster, das die Augen erweiterte. Maria hatte mehr erfahren, und sie flüsterte davon . . . Aber draußen klappte der Schritt des Mannes, und die Dienerin verschwand ohne Laut.
Sie hatte den Auftrag, die Bettler vor dem Tor täglich zu bewirten und zu beschenken. Oft überzeugte Lola selbst sich, ob es geschah. Nur die eine Sorge fand zu ihr hin. Aus einem brennenden Traum schrak sie empor, ging hinaus und legte sich den Anblick der triefäugigen Zwergin wie eine Buße auf, die den Bestand ihres Glückes verbürgte. Sie lebte im Sinnenrausch wie in einem Garten roter, abenteuerlicher Kelche, deren Duft die Vernunft betäubte. Abergläubisch durch die Fülle des Glücks, gab Lola der Verführung Marias nach und ließ sich von der Zwergin wahrsagen. Die Zwergin ward ins Zimmer gelassen. Die entzückenden Visionen, von denen es voll war, durchbrach ihr Kropf, und ihre entzündeten Augen hefteten sich an alle . . War das nicht genug? Lola überließ ihr auch noch ihre Hand. Indes sie das Scheusal kichern hörte, bedrängte ein Gedanke sie. „Wenn ich’s nicht tue, bin ich verloren!“ Da schnellte sie vor und küßte die Zwergin gerade auf den überfließenden Mund.
Auch die Bitten um das Pachtgeld jener Bauern stieß sie unter dem Brennen einer Sucht aus; sie weckte den Mann dazu auf.
„Was soll ich tun, damit du es ihnen zurückgibst?“
Seine Nachsicht gegen diese Armen verlockte sie in dem Taumel, der sie dahinraffte, wie eine letzte Erfüllung, wie der Sieg im Zweikampf der Liebe, der äußerste Gipfel der Lust. „Was soll ich noch tun?“ — verheißend, mit geheimer Begierde, zu erfahren, was sie verhieß. Maria hatte davon angedeutet. Er weihte sie ein.
„Ich dachte nicht, daß Ihr dahinten zu solchen Sachen zu brauchen seid. Das war sogar der Hauptgrund, weshalb ich einige Zeit zögerte, dich zu heiraten.“
Sie hatte sich zu den letzten Würzen des Vergnügens herbeigelassen. Ob eine andere ihm so gefällig gewesen sei?
„Vielleicht Gigì?“
Sie gestand nicht, was sie wisse. Aber sie machte sich, in seinen Armen, hinter ihren geschlossenen Augen zu dem Mädchen, das nackt in der Kirche, auf den Stufen des Altars, den Mann erwartet.