„Nenne mich Gigì!“
Dann:
„Was hast du mich noch zu lehren? Nichts mehr? Gar nichts? So gib mir das Pachtgeld!“
Aber er brach lachend sein Wort. Auch ihre erbitterten Vorwürfe verlachte er.
„Gegen euch Weiber ist alles erlaubt.“
Dies Unerreichbare ließ ihr einen Durst und eine Unruhe zurück, als sei die süßeste Frucht des Gartens nicht in ihren Mund geflossen, als stehe irgendwo im Palast ein unzugängliches Zimmer voller Seltsamkeiten. Sie hatte, sobald er fort war, den Kopf in Bilder verstrickt, in zehrende, nie ganz vollendete. Auf unbestimmter Suche machte sie manchmal einige Schritte allein vors Haus. Am Ende der Schloßterrasse das Kloster lockte sie an: dies Frauenkloster mit seinem vergitterten Schalter. In der Sonne stand sie und schmachtete mit Haß zu der dunkeln, kühlen Mauer hinauf. Einmal fand sie daneben die Kirche offen. Hinten sangen im Halbkreis die Nonnen. Von fern betrachtete Lola sie mit Hohn. Wenn jetzt eine kam, wollte sie ihr im Vorüberstreifen solche Dinge ins Ohr sagen, daß sie für den Rest ihrer Tage ihren kläglichen Frieden verlieren sollte.
Vor dem Palasttor lungerten schon wieder die Bettler. Die Zwergin zerrte die anderen weg, drängte sich vor.
„Laßt sie, ihr Pack, meine Herrin ist’s. Mich kennt sie, und sie liebt mich, denn ich leiste ihr nützliche Dienste.“
Lola ging kalt an ihr vorbei. Sie sah noch die Verkrüppelte von ihren Gefährten unter Spott zu Boden gestoßen, und es befriedigte sie. Ihre Gelüste verkehrten sich ins Böse. Der Schmerz der anderen barg vielleicht noch unbekannte Genüsse? Sie stritt mit der Versuchung, Marias Kinder, die in den Gängen lärmten, vom Diener schlagen zu lassen. Jene Bauernfamilie, der ihr Mann das Pachtgeld abgepreßt hatte, hungerte jetzt wohl? Lola dachte sich das verfallene Gesicht der Frau, einen Kreis fiebriger Kinderaugen um einen leeren Tisch. Als das nächstemal die Zwergin sich an sie hängte, rief sie einem Jungen zu: „Hol’ den Gendarmen dort!“ Beim Geklirr des Säbels und dem Zetern der Zwergin zauderte sie noch, abgewandt, auf der Schwelle; Scham nur hielt sie ab, den Befehl zurückzunehmen. Aber dann ging sie weiter. „Dafür ist sie eine Bettlerin!“ Pardi, fiel ihr ein, hatte gesagt: „Dafür sind sie römische Campagnabauern.“ „Jetzt bin ich selbst dort angelangt! . . . Und wenn schon, jeder leidet das Seine. Auch das Genießen führt, ganz in der Tiefe, zum Leiden . . .“
Der erste, schwüle Herbstregen fiel, als sie die Abreise beschlossen. Lola atmete schwer in der Luft, die braun durchs Land schlich. Sie hatte mit dem Manne allein, eng beisammen, unter dem Lederdach des zweirädrigen Wägelchens, hinabgewollt. „Rascher!“ Mit zugedrückten Lidern, in wonnigem Schwindel. Als sie sie einmal öffnete, hockte dort unten bei einem Busch die Zwergin. Sie schloß sie wieder, lächelnd. Da, gelles Hennengeschrei, der Fall von Steinen, Pardis wütende Drohungen, und das Krachen und Schwanken des Wagens, den das Pferd, gestreckt, dahinriß. Auf einmal Stille.