Mit Schrecken erkannte sie in seiner Miene den Haß. Es konnte nicht sein, sie wollte nicht glauben: er irrte sich, er war krank! Eindringlich und mütterlich, mit einem Lächeln, als habe er gescherzt, und doch mit leise beschwörenden Händen:
„Im Ernst, du schickst mich fort? Also dann bitte ich den hartherzigen Mann für zwei, statt einer. Laß mich bleiben, und erlaube, daß auch Germaine bleibt!“
„Erlaube, daß Germaine bleibt! Das ist der Refrain: wenn ich ihn höre, gehe ich. Adieu. Erlaube, daß Germaine bleibt! Das ist wie: Erlaß dem Bauern das Pachtgeld. Wir wissen auch, welche schönen Dinge du mir statt des Pachtgeldes gewährtest. Auch Germaines Entlassung möchtest du mir gewiß mit diesen Späßen abkaufen? Also komm, Gigi!“
Sie taumelte zurück. Er lachte auf und war fort. Lola blieb ans Bett gestützt und hörte dies Lachen im leeren Zimmer weiterlachen. „Er verachtet mich!“ Sie sah starr, aus geröteten Augen vor sich hin, hatte die Hand am Herzen und dachte: „Er verachtet mich!“ Die Knie zitterten ihr; sie ließ sich, am Fleck, wo sie stand, zu Boden gleiten. Kauernd dachte sie: „Daß ich mir’s nicht gesagt habe! Ein Mann sollte von einer Frau solche Bilder im Kopf tragen, wie er von mir, und sie noch achten? Wie darf sie, die so tief mit ihm durch Schmutz ging, irgend eine reine Sache berühren wollen! Es ist wahr: das Mitleid selbst habe ich damals mißbraucht zum Dienst der Lust. Ich bin unrein für immer. Nicht er dürfte mir’s vorwerfen: Alle, nur er nicht, mein Mitschuldiger; aber die Wahrheit ist’s, und meine Sehnsucht, ihn dem zu gewinnen, was ich als höheres Menschentum empfinde, steht doch mit beiden Füßen im mehr als Tierischen, und seine Seele zu umarmen, drängt es mich nur darum so sehr, weil ich bis in Verirrungen und ohne meine letzte Scham zu hüten, seinen Körper geliebt habe!“
Immer neue Blutwellen stürzten ihr in die Wangen. Zitternd hob sie sich vom Boden, voll Bangens danach, ihre Schande zu betrachten und ganz zu ermessen, durch ihren Anblick sich zu kasteien. Sie warf sich, mit gierigem Ekel, dem Spiegel entgegen. Da waren diese Augen, die endlose Züge unzüchtiger Träume erblickt hatten: da waren sie! Da war dieser entweihte Mund! . . . Plötzlich hielt sie ihre beiden Hände vor sich hin, wie etwas Neuentdecktes, Furchtbares. Ihre Hände zuckten zusammen, als sie einen heißen Tropfen empfingen. Lola erkannte:
„Was habe ich getan! Ich habe mich selbst verraten an das Fleisch! Jetzt hält es mich, ich bin seine Gefangene, ich darf nicht mehr aus ihm hinausdenken. Nichts weiter mehr, solange ich leben mag, liegt vor mir, als die düstere Wut dieser hoffnungslosen Umarmungen. Ich hasse mich und werde von ihm, der sie genießt, verachtet für meine Dienste, wie eine schmutzige Magd.“
Sie setzte sich auf den Bettrand.
„Mein Gott! ich bin verloren.“
II
Sie weigerte sich, am Abend darauf die Gäste zu empfangen. Trotz Pardis Drohungen schrieb sie nicht nur Ricchetti, sondern allen ab. Pardi rächte sich durch die Herausforderung des Abgeordneten. Als er ihn leicht verwundet hatte, erklärte er Lola, sein Haus und sie seien wieder fleckenlos, jetzt könnten die Leute kommen.