„Du irrst dich,“ sagte sie, „ich werde vorläufig niemand sehen.“

Er wollte losfahren, erkannte aber ihre Miene: diese feindlich verschlossene Miene, der er seit ihrer Heirat nicht mehr begegnet war. „Verrückt,“ sagte er und ging.

Lola blieb allein mit dem Gefühl, ringsum wispere es von ihr, deute auf sie. Es war wie das Jucken eines unsichtbaren Ausschlages. Sie konnte nicht mehr ausgehen, seit ein begehrlicher Männerblick ihr begegnet war. Der hatte gewußt! Das Laster spürte das Laster heraus! Die Frauen: die reinen Frauen, denen man zutuschelte über sie! . . . Und ihr Mann, ihr Genosse, dem das alles vielleicht zu seiner Ehre diente, der sich damit rühmte, trat bei ihr ein, wie es ihm beifiel: ohne sie zu bemerken, oder scheltend, oder mit einer flüchtigen Liebkosung, unter der sie sich kalt und stachlich überschauert fühlte. Das war das Unerträglichste: keinen Fuß breit zu haben, wo sie allein sein konnte, wo keine fremde Haut an ihre streifte und kein feindlicher Atem ging! Wie sie die Menschen haßte! Es dürstete sie nach jener Mädchenzeit und nach der scheuen Einsamkeit der Gewittertage im Bergwald, da sie sich, durch Blitze und Regenströme vor Menschen sicher, mit Versen von anderen Sternen in eine Reisighütte barg. Allein und rein, allein und rein sein! Immer wieder stieg ganz frisches Entsetzen herauf. „Wie ist es geschehen? Wie komme ich hierher? Was war ich vorher! Welche Kluft!“ Und sie dachte an Arnold. Wenn er wüßte! Wenn er ihr je begegnete! O, sich nicht zeigen, sich niemals mehr zeigen.

Im geschlossenen Wagen fuhr sie vor der Stadt die ödesten Wege. Pardi verbot es.

„Weil du verrückt bist, dürfen meine Pferde noch nicht leiden. Vernünftige Leute fahren die Wege, die dafür da sind, in den Cascine. Auch den Viale de’Colli fährt niemand: er ist zu steil und überanstrengt die Pferde.“

Sein Geiz und seine geistlose Härte, seine unbeherrschten Begierden, sein elastisches, unbefangenes Hin und Her zwischen einer engen Mannesehre und jovialer Lockerheit bedrückten sie jetzt mit ihrer Nähe wie eine unheilbare Krankheit. Und sie hatte es für ein Spiel gehalten, sie zu heilen; war glücklich gewesen, daß es etwas an ihm zu heilen gab! Von demselben Cesco, dessen Monatslohn er nicht um fünf Francs hatte erhöhen wollen, hörte sie ihn fünfzig Francs leihen. Cesco schien geschmeichelt: er eilte lebhaft nach dem Gelde und bat freudig zum Diner. Lola konnte die Augen nicht von den Schüsseln heben, die der Diener ihr hinhielt. Pardi plauderte mit ihm. Dann schien ihm aus der Zigarrenkiste etwas zu fehlen, und Cesco ward des Diebstahls beschuldigt und in schnell herabgewürdigtem Zustand hinausgeschickt. Als die Notwendigkeit näher kam, wieder einen Besitz zu verkaufen, erklärte Pardi den grünen Spieltisch für das fruchtbarste Landgut. Während derselben Mahlzeit entrüstete er sich aufrichtig über den alten Niccoli, der nun auch seine zweite Frau ruiniert hatte und noch den Verlobten der mittellosen Tochter durch seine Tyrannei aus dem Hause trieb.

„Kein Gewissen! Unwürdig, eine Familie zu regieren!“

Dazwischen warf sie es sich vor, daß sie ihn allzu klar, ungetrübt durch ihr Herz, beurteile. „Er ahnt nicht, daß er ein Paar feindlicher Augen auf sich hat. Auch verdient er’s nicht: vor unserer Heirat war er derselbe, und ich wußte es. Ich wußte, er sei brutal, ein Lump und der Gerechtigkeit unfähig. Verklärt, beinahe durchgeistigt ward das alles durch eine Art Heldentum: durch eine großartige Eitelkeit und die Bereitschaft, für jedes Nichts mit ganzer Persönlichkeit einzustehen. Sein Heldentum war eins mit seinem Temperament: und das habe ich durchgemacht, er hat es an mir abgenutzt, es ist mir verächtlich geworden. Mit dem, was übrig bleibt, heißt es nun leben . . .

Nicht er hat die Schuld. Manche andere hätte er zufriedengestellt: manches der unbewußten Wesen, denen er gleicht. Die Verantwortung ist bei mir, die voraussah. Welches meiner heutigen Leiden überrascht mich denn? Nur der fleischliche Irrsinn konnte mich vergeßlich machen; aber damals entschloß ich mich sehend zu meinem Verderben . . . Andere dürfen klagen, daß es keinen Ausweg, keine Scheidung gibt: ich nicht; ich verdiene sie nicht. Ich darf ihn auch nicht hassen: nur er mich. Er ist, und ich wußte es, der hochmütige, dumme Rassemensch, ohne Verständnis für irgend etwas, das nicht sein kleines, überlebtes Herrenrecht ist. Ich hafte nirgends (wie konnte ich mich vermessen, hier zu haften!), habe einen Fuß in jeder Welt, in jedem Volk, habe Fühler für alles, bin allem verwandt. Daß ich ihn verstehe und er mich nicht, das macht mich rechtlos . . .“

Sie hielt sich zur Geduld an, nahm seinen Zorn hin und die Geschenke, mit denen er sie, gutmütig, entschädigte.