Der Brief ging in die Welt. Lola sann, in ihren menschenlosen Zimmern, hinter ihm her. Nun kam er an, ward Tini in die Probe getragen. Tini las ihn in der Erwartung ihres Stichwortes, steckte ihn weg und hatte ihn, bevor sie hinaus mußte, schon vergessen . . . Nein: ihre Antwort kam, am ersten Morgen, da sie kommen konnte. Tini schrieb:

„Liebe Lola. Beneide mich lieber nicht. Damit ist nicht gesagt, daß ich nicht zufrieden bin. Aber was für mich paßt, könnte Dir doch sehr wenig erfreulich vorkommen. Man darf in meiner Lage nämlich nicht so große Ansprüche an das Glück machen, wie Du, glaube ich, tust. Dir würde es, wie ich Dich kenne, nirgends genügen. Von Leuten, die in Florenz waren, hörte ich, daß Deine Ehe nicht für besonders glücklich gilt. Ich darf Dir dies, obwohl Du versuchst, Dir nichts merken zu lassen, wohl verraten: denn, wie mir scheint, unterschätzt Du doch sehr den Preis, den es mich damals gekostet hat, Dir dies Glück zu lassen. Ich hätte nämlich selbst darum kämpfen mögen und fühlte mich ganz gut dazu imstande. Denn ich bin nicht das unbeträchtliche kleine Mädchen, von dem Du Dir damals ein bißchen Gefühl schenken ließest, und an das Du sogar noch jetzt Deinen Brief richtest. Das bin ich nicht. Ich habe schwer genug gelitten Deinetwegen. Heute kann ich Dir sogar sagen, daß ich in dem See, worin Gugigl einmal bei Mondschein so schön badete, an einem nebeligen Oktobermorgen beinahe ertrunken wäre. Wozu das alles, wenn ich nicht Dich noch viel heftiger geliebt hätte, viel hingebender als ihn? Du hast darauf nicht acht gegeben, oder nur, um ein wenig mit mir zu spielen. Wir hätten uns verstanden, meinst Du? Nein, ich Dich damals auch noch nicht. Inzwischen habe ich freilich über Dich nachgedacht und mir gesagt, daß Du ein anständiger, aber liebloser Charakter bist . . . So, Lola, das konnte ich Dir nicht ersparen. Im übrigen wünsche ich Dir, daß Du Dich einlebst. Das dauert wohl manchmal lange. Auch ich habe Zeit gebraucht, bis ich ganz entschlossen meine Kunst allem, aber allem voranstellte. Wenn ich heute noch einen Mann liebe, nehme ich ihn doch durchaus leicht. Und sobald er meiner Kunst gefährlich wird, mache ich mich unerbittlich von ihm los. Die moderne Frau hat glücklicherweise ihr Schicksal selbst in Händen, und Klagen wären überflüssig. Möge es Dir wohlergehen. Mit Gruß.

Tini.“

Empört warf Lola den Brief hin. War ihre Annäherung nichts Besseres wert als dies? Dann erinnerte sie sich: „Ach ja, so waren sie dort hinten! Etwas hart vor Tapferkeit und Selbständigkeit, etwas anspruchsvoll. Noch ein wenig neu in der Freiheit und darum nicht ganz sicher im Geschmack: so waren die Frauen dort alle und natürlich auch Marie Gugigls kleine Schwester. Die hiesigen haben sich mir von solchen Seiten gezeigt, daß ich die Nachteile jenes anderen Typus beinahe schon vergessen hatte . . . Aber sie wäre fast gestorben?“

Lola nahm den Brief wieder auf.

„Das war also mehr als Kinderei? Sie hat mich so sehr geliebt, daß sie lieber sterben, als mir mein Glück wegnehmen wollte? Als ich abreiste, lag sie krank im Bett: ich war selbst so verstört, daß es mich bloß flüchtig ergriff, daß ich darüber hinweggehen konnte. Und die Tage vorher: so fieberhaft und zerrissen war sie! Ihre Blicke, die darum rangen, mich nicht zu hassen! Wie sie sich gequält hat! Das konnte ich vergessen? Das konnte mir verschwimmen und seine Kraft verlieren?“

Lola richtete sich im Bett auf, als träte ein Unerwarteter ins Zimmer.

„Dann bin ich also blind und undankbar! Sie hat recht: ich verlange alles; ich wundere mich, daß ich nicht von Liebe umringt bin; und ich gebe nichts. Habe ich Erneste gegeben? Habe ich Pai gegeben? Mein Gott, also lieblos? Wirklich lieblos?“

Sie ließ sich sinken, drückte das Gesicht weg.

„Und ich habe doch so viel Liebe erträumt, für so viele! Als Kind war ich bereit, für Mai, für Erneste zu sterben. Ich ersehnte der Menschheit einen bessern Stern. Nur mir? Wer sagt das? Nicht auch jenem die Heimat suchenden Auswanderer, dessen Schicksal meinem glich, und allen, allen? Ich litt, noch voriges Jahr, mit jenen Bauern, denen mein Mann ihr Geld nahm. Auch Tini habe ich lieb gehabt, lieber als sie meint . . . Wen aber habe ich’s je fühlen lassen? Wem ist wohler geworden durch mich? Ich bin eine Unfruchtbare! Mein Gefühl war nie mehr als selbstsüchtige Spielerei. Die wirklichen Menschen berührte ich damit nicht. Konnte ich denn zu ihnen? Ich war allein und einzig und litt, meinte ich, so viel mehr als alle! Sie waren in meiner Schuld; sie hatten mich so einsam gemacht, hatten mir die Heimat genommen.“