Sie stand auf, riß den Vorhang von der Gartentür und spähte leidenschaftlich in die Ferne.
„Pai tat das! Er war der Erste, der mir die Liebe verbitterte. Ich glaube an keinen Menschen mehr, seit er mich, sein kleines Mädchen, in einem fremden Garten heimlich verließ. Er hat mir Mißtrauen und Menschenhaß fürs Leben mitgegeben. Durch seine Schuld habe ich alle Liebe, die mir je entgegenkam, verkannt und versäumt: seine eigene und Ernestes . . . Erneste!“
Das alte kleine Gesicht kehrte wieder, voll schüchterner Mütterlichkeit. Es machte sich künstlich streng, weil es in ein ablehnendes Kindergesicht sah.
„Immer habe ich mich zurückgehalten, habe die Arme steif gehalten, damit sie sich ihr nicht von selbst um den Hals legten. Warum? O! der Tag im Gebirge . . .“
Sie fühlte sich wieder, als Herangewachsene, jenen Sommer vor der Trennung, bei ihrer alten Gefährtin. Draußen im Bergwald hatte unter Stürmen Allliebe sie geschüttelt; und vor dem menschlichen Herzen dort hinterm Tisch, verstopfte sie die Ohren und las. Dennoch fielen wieder, durch Ernestes Scham getrennt, die zart werbenden Worte. Lola atmete rascher. O, zugreifen! „Ich bin nicht taub, nicht fühllos!“
Zu spät. Erneste war tot. So war Pai tot gewesen, bevor Lola ihn hatte lieben können. Die Arme trostlos erhoben, warf sie sich auf die Schwelle. Der Wind schlich ihr über den Rücken, er fingerte geisterhaft schwach in den Falten ihres Hemdes, wie Hände von ehemals.
„Und auch er, auch er ist versäumt! Arnold!“
Sie schrak auf; Blut stieg ihr ins Gesicht; und als habe mit dem Klang seines verbannten Namens der Mann selbst an die Scheibe geklopft, bedeckte Lola sich.
Sie verlangte den Wagen, trieb zur Eile, stieg zitternd über die Treppengassen auf den Platz hinab. Nur diesen Gedanken nicht! „Ich bin seiner zu unwürdig, ich beflecke ihn, wenn ich mich nach ihm sehne. Und mir selbst nehme ich das letzte Recht, mich zu achten.“ Auf den Karren und „Fahr zu!“ Sich betäuben mit Wind und Schnelligkeit. Aber an der Straße, hinter einer Pforte und den Hut in der Hand, stand Arnold, wie er bei ihrer letzten Begegnung hinter der Pforte gestanden hatte, die sie öffnen wollte. Sie schloß die Augen. Umsonst; sein schmerzliches, unsicheres Lächeln war hinter ihr: dies Lächeln, das zurücktrat und sie aufgab . . . Und den Weg zwischen Zypressen von einem kühlen alten Landhause her, kam er, und sie stieg aus und ging ihm entgegen: denn dort wohnten sie beide, die sich gehörten.
Wie beißend in seiner Süßigkeit war dies Gesicht! Es hätte sein können! Unter Liebe, wie im Grunde ewigen Sommerlaubes, versteckt und geborgen; Tau und Gezwitscher in Augen und Ohren; und in der Melodie des frischen, lebendigen Morgens vereint, wie ein Paar sorgloser Klänge. Lola sehnte sich nach dem schönen Morgen, durch den sie fuhr. Ihr war, als erlebte sie ihn nicht und hätte ihn doch erleben können.