„Da ich eine Heimat suchte: wie begehrenswert war die, die unsere beiden Seelen uns erbauen konnten! Ich habe eine ganz äußerliche vorgezogen, weil sie üppiger schien, und habe mich in Schande und Lüge finden müssen. Wie er mich klein gesehen hat! Kein Mensch sah mich so, und ihn muß ich lieben! Er hatte recht, daß er stolz war und mir nicht nachreiste. Wozu? Wenn eine einen Pardi vorzieht, überläßt man sie ihrem albernen Schicksal. Aber mag es albern sein, dennoch schmerzt es, Lieber! Könnte ich dir manches erklären! Wüßtest du, was ich leide, und daß ich doch für mein Schicksal nicht klein genug bin! Ach! meine Sühne ist, daß du’s nicht weißt, und daß ich schweige . . .“
Mit verzweifelnden Augen sah sie durchs Land nach Hilfe aus. Der Meilenstein, der sich näherte, machte ihr Lust, sich ihm entgegen zu werfen. Unter dem Druck der äußersten Not stieg es in ihr auf: „Ich will dir alles sagen, was ich bin und wodurch ich es wurde. Alles, was ich gelitten habe, warum ich dich gehen ließ, wie ich gekämpft und verloren habe, beschmutzt, krank und ganz verlassen ward. Du sollst es nicht hören, aber ich will es dir sagen. Es wird sein, als schriebe ich’s auf die Mauer zwischen unseren beiden Gärten, und du wirst sie nie übersteigen. Es wird sein, als sagte ich meine Beichte dem Meer, das uns trennt, und das sie überschreit. Sei ruhig, du vernimmst keinen Hauch meines Geflüsters. Ist es nicht verzeihlich, da ich sonst stürbe?“
Zu Hause, unter Tränen, schrieb sie ihre Kinderjahre auf. Sie führte sie ihm zu, wie einen Zug kleiner dahingeschiedener Mädchen, die er noch einmal segnen und bedauern sollte. Als sie, aufatmend, in den Nachtwind trat, schien der Tag, der vorüber war, ihr voll und tröstlich.
Sie wollte weiterschreiben, ließ Wochen ohne einen Satz und glaubte doch, träumend, die dunkeln und die lichten Tage an ihm vorübergeschickt zu haben: noch die schlimmsten mit unverhülltem Haupt. Er kannte sie ganz. Sie hatte, um sich ihm ganz zu entdecken, namenlose Scham bestanden. Sie hatte durch Tränen nach seinem Verständnis gebangt. Sie hatte sich, wieder wie einst, von seiner Seele durchdringen lassen und hatte zu seinen Füßen sich in Schlaf geschluchzt. Nun sah sie mit Staunen den Garten welken. Der Sommer war zu Ende? Und sie war nie müßig, nie einsam gewesen! Immer war er gegenwärtig gewesen, zuerst als Geist, der ihr zweiflerisch und bitter über die Schulter sah; und endlich wie ein Hausgenosse, dessen Atem sie manchmal beim Lesen auf ihrer Schläfe spürte, und dem sie die durchlaufene Seite hinhielt, damit auch er sie beende. In ihre Augen trat noch, so oft ihr Inneres ihn ansah, Demut. Ihre Schuld war um nichts kleiner. Aber sie konnte fortan mit ihm in Frieden leben. Er wollte nicht, daß sie sich um ihn ängstigen, zu seiner Versöhnung sich quälen sollte. Sie durfte Ruhe genießen. Sie fühlte sich weit gesunder, zuversichtlicher, besser gewappnet gegen die kommenden Alltage. Ihre Spaziergänge wurden lang; der Herbstregen, der schwül einsetzte, erschlaffte sie nicht. „Vertrage ich endlich das Klima eines Landes ganz?“ Pardi verlangte sie zurück. „Warum nicht? Auch mit jenen Menschen wird sich leben lassen. Ich muß sehr krank gewesen sein, um dem, was ich bei ihnen erfuhr, so völlig zu erliegen. Bleibe nicht, wo ich auch sein mag, ich selbst mir? Und nun bin ich gesichert, da ich den zurückhabe, den ich liebe. Unter all den Fremden werde ich mich oft nach einem Vertrauten umwenden, den sie nicht sehen, und mich mit ihm verständigen.“
Jeder fragte Lola:
„Contessa, was haben Sie für eine Kur gebraucht? Sie sind schöner geworden, wissen Sie. Am Ende des Winters sahen Sie nicht gut aus, jetzt aber sind Sie wieder vollkommen schön.“
Sie ging aus, so viel man wollte, gab sorglos ihre Kraft und Anmut hin. Die Triumphe im Casino Borghese kehrten wieder; sie fühlte um sich her den Wettlauf der Männer, angespannter als damals, und ihre unbedingte Sicherheit, einer werde bei ihr ans Ziel kommen. Allen schien der kritische Zeitpunkt da; in aller Augen war sie reif für den Liebhaber, auch in Pardis. Überall im Ballsaal begegnete sie seinem drohenden Blick. Sie verhielt sich gelassen weltlich, ein wenig kokett sogar, in der Empfindung, sie müsse diese armen Leute dafür entschädigen, daß sie im Herzen so weit, weit von ihnen weg sei; und auch in der Scham dessen, den eine geheime, innige Religion erquickt, und der den Spöttern ringsum ihre leichten Freuden nicht verleiden möchte. Das lauteste Fest fiel, verließ sie es, ganz plötzlich hinter ihr zusammen, wie eine bunte Drahtpuppe, und Lola in ihrer Wagenecke lächelte still und schwärmerisch. Pardi sagte, als ein Laternenschein sie getroffen hatte:
„Du hast zu oft mit Valdomini getanzt.“
„So? Ich habe nicht darauf geachtet.“
„Aber andere achten darauf . . . übrigens verstehe ich den guten Valdomini nicht. Er ist hinter dir her in einer für sein Alter gradezu lächerlichen Art. Weißt du, daß er ein sans-ventre-Korsett trägt? Tatsächlich; sein Bauch würde sonst hängen.“