Sie setzte den Fuß an; sie erreichten drüben das Fenster: es stand offen; lautlos neigten ihre beiden Gesichter sich darauf. Und ihre beiden Gesichter empfingen die Atemstöße derer, die dort innen umkrampft lagen, sich wanden und zuckten. Lola bewegte die Wimpern nicht. Ohne Eile richtete sie sich auf; Claudias von Lust gebrochene Augen waren noch immer, ohne zu verstehen, an ihr; — und Lola und Arnold gingen ungedämpften Schrittes von dannen, hinaus in Regen, zeitlose Stille und totes Menschengewühl, durch Vorstädte mit elendem Lichtflimmern im Pflaster und endlos weiter auf einer braunen, müden Landstraße ohne Lampe, ohne Stern . . . Arnold tastete nach Lolas Arm und stützte ihn. Ihre Schultern sanken im Gehen zueinander. Sie empfingen mit ihren Schläfen den Regen, stießen fremd an Steine und gaben ihre willenlosen Stimmen der leeren Weite hin, die sie trank.

„Meine arme Geliebte!“

„Mein armer Geliebter!“

V

Lola fieberte, schon die zweite Nacht. Sie fühlte sich als Kind und auf der Großen Insel. Feenlicht in stiller Runde, über Meer und Garten; und hielt man ihm nur das Gesicht hin, war’s einem, man lächele. Weite Blumenkelche schwankten bedächtig, und Lola gab ihnen Namen: jedem einen längst befreundeten Menschennamen. Da tat aber ihr Herz einen Sprung, die schöne Luft ward schwer; Lola wollte laufen, laufen, und blieb stecken in der Luft; wollte schreien und hörte sich nicht. Sie atmete auf: dort saßen um ihren Suppenkessel die Schwarzen. Alles war gut, die Boa war verschwunden, Lola war ihr entronnen. Ein starker Schwarzer hob sie den Kessel hinan, sie tauchte ihren Löffel ein und sah stolz umher, wie alle ihre blonden Locken bewunderten. Und nun schlug eine Stimme an: o, jene Stimme, bei der man vor Liebe zitterte und sprang; und aus den Bäumen trat die große, ernste Gestalt. „Pai! Pai!“

Sie erwachte, die Hände hingestreckt und auf den Lippen ein Lächeln. Aber ein fremdes Gesicht bewegte sich auf ihres zu; sie schrak zurück: „Claudia!“ — und sie bedeckte die Augen und stöhnte.

„Ich erschrecke dich wohl, Lolina? Ach, sieh mich an, ich flehe darum! Wirklich? Ich mache dir Grauen. O, du hast recht, ich bin grauenhaft, und ich will gehen.“

Alles war wieder da; nichts half es, die Lider zuzudrücken. Dahinter schimmerte dennoch, wie aus dem Dunkel eines Wagens, Claudias Gesicht, mit den von Lust gebrochenen Augen. Und auch er war zurückgekehrt, der unfruchtbar Geliebte. Das Schicksal war zurückgekehrt.

„Du bringst mir Nachricht von ihm?“

Claudia blieb scheu dorthinten gegen die Wand gedrängt, als wollte sie hindurch. Sie stammelte: