„Ich wußte wohl,“ gab Claudia zu, „daß ihr anders seid, als wir: du eine andere Frau, er ein Mann, nicht wie die unseren. Ich verstehe eure Sachen nicht, ihr müßt selbst zusehen.“

Aber ihre Phantasie war nun umgelenkt. Claudia bewegte langsam ihren kleinen Kopf und verdrehte, vor schmerzlicher Bewunderung, die großen bräunlichweißen Tieraugen.

„Ihr seid Engel. Wir gewöhnlichen Menschen können euch nicht nachahmen, ihr aber seid Engel. Tröste dich, Lola: deine Leiden werden dir mit himmlischen Freuden vergolten werden, für meine aber bin ich verdammt. Ach! weine nicht, Lolina. Was soll dann ich tun?“

Lola wandte sich ab. Sie erkannte das Leiden anderer nicht mehr: ihr eigenes hatte alles verdunkelt. „Und wenn es ein Jenseits gäbe,“ dachte sie, „es wäre dennoch leichter, sich mit allen anderen verdammen zu lassen, als ganz einsam selig zu werden.“

Sie forderte von Arnold:

„Sei ein einziges Mal leichtsinnig! Bist du mir nie untreu gewesen? Hast du dich je geschlagen? Ach nein, — aber so verschwende doch irgend etwas!“

Er war gar zu sparsam: mit dem Seinen und mit sich. Sie warf ihm, wenn sie grübelte, vor, daß er ihr nie ein Geschenk gemacht habe. Pardi hatte für die Sarrida Hunderttausende fortgeworfen, — „aber auch für mich war er immer bereit: ich brauchte nur Launen zu zeigen. Ein Gericht zu viel machte ihn wütend; aber er hätte mir eine Yacht gekauft. Wem eine Frau nicht das Geld wert ist, dem ist sie schwerlich das Leben wert. Arnold ist mäßig und vernünftig; seine Tugenden sind sehr bürgerlich . . .“

Und hingen nicht ebenso bürgerliche Untugenden mit ihnen zusammen? „Seine Kälte und seine Art, Menschen anzusehen! Ach! er wird niemandem unrecht tun: nicht durch blindes Lob und nicht durch Verleumdung. Er zerlegt und begreift. Er kennt nicht Freund noch Feind: nur das kleine selbstsüchtige Vergnügen des Durchschauens. In dem Gerechtigkeitssinn dieser Schwachen, wie viel kleinliche Bosheit! Pardi: o, dem wird’s heiß, der liebt und haßt; und wen er nicht ersticht, den hält er gradaus für einen Ehrenmann. Bei dem würde man selbst wissen, wer man ist, würde seiner selbst sicher und geborgen sein . . .“

Und sie dachte der Zeit, da sie’s war. „Das einzige Gute war doch das Sinnenglück: damals, wie ich jung war.“ Das schien Jahrzehnte her. Sie saß in wehmütigen Erinnerungen, wie eine Greisin. Plötzlich eine Wallung, daß die Luft zu flimmern schien, — und sie bebte vom Gefühl abenteuernder Jugend, vom Gefühl des Lebens von damals. Noch immer war’s da, ging aus und ein mit dem Mann, und war toller als je. Ein Schritt nur! Das andere vergessen können! Pardis Untergang mitmachen! Sein ganz und für immer verwirrtes Schicksal teilen, dies von jeder Verantwortung, allem Denken befreite; lieben und betrügen, sich durchschlagen, Hunger haben wie ein Tier und tafeln wie die Götter, gehetzt werden und atemlos lachen. „War ich nicht schon früher etwas wie eine Abenteurerin? Ich gehöre zu ihm. Was er mir zu bieten hat, kommt mir zu.“

Dann fing sie einen Männerblick ab, der sich auf eine Frau niederließ, und ihr ward kalt. Die unkeusche Wirkung dieser Frau, die Unkeuschheit unter ihren Kleidern, hinter ihren Augen, die Unkeuschheit, die ihr Gedanke, ihr Zweck, ihre Funktion war, machte Lola erstarren vor Ekel und Grauen. Sie selbst war, in ihrem Bewußtsein und Willen, diese Frau gewesen! Sie fühlte sich nackt unter allen Menschen und verlor den Kopf.