Der Spalt, der von jeher durch ihr Leben schnitt, war weit aufgerissen, und Flammen schlugen heraus. Ihr verstörtes Innere warf, durcheinander, alle Triebe empor, brachte alle Bilder zurück. Sie hätte auf einem kalten Meer mit Arnold Schiffbruch erleiden mögen. Aber das Polster eines Wagens erschien ihr und zwei Gestalten, die sich umkrampft hielten und zuckten. Sie töten! Ach! dies erlösende Wort. Wie kam es denn, daß diese Claudia noch lebte, daß Lola ihr die Hand reichte, ihr ihren Namen gab — „Claudia“ — als dürfe sie leben? Beide töten! Gereinigt war dann alles und still.
Wie sie sich im Qualm ihres blutigen Traumes betraf, fielen ihre Züge zusammen, und sie schloß, sich zu fliehen, die Augen. Sie verachtete ihr Wüten, das Wüten der Ohnmacht, und verachtete die Stunden der Sehnsucht, rein zu sein; denn immer schlugen tierische Dämpfe hinein. Sie litt Abscheu vor jeder ihrer Regungen; alle deuchten ihr uralt, verbraucht und vorauszusehen; die Gedanken abgespielt, die Empfindungen schal und verderbt. Sich los sein! „Da ich nie wissen werde, wozu ich geboren bin: lieber nichts mehr wissen!“
Ein Ausweg: sich beschränken, Ansprüche und Gedanken abwerfen, ihre Kraft nur mehr gebrauchen, um zu erhalten, was im Zusammensturz aller Dinge, ihrer Liebe und ihres bürgerlichen Daseins, noch stand. Sie machte sich an eine genaue Beaufsichtigung des Haushaltes, wollte sparen, kleinlich sparen. Was half’s, da Pardi die letzte Habe zu Geld machte und es verstreute. Ein Fremder kam ins Haus und verhandelte über den Preis der Verkündigung, draußen an der Fassade. Lola sprach lachend davon zur Tochter des Präfekten und fühlte sich gerettet, als am Abend drunten eine Wache stand. Pardi deklamierte vor den Freunden, die hereinströmten. Ob die Verkündigung sein sei, oder der Nation. Warum die Nation, anstatt nur den Verkauf zu verbieten, ihm das Kunstwerk nicht lieber gleich wegnehme. Lola mischte sich heiter ein.
„Was er für Einfälle hat, wie, meine Herren? Wenn du das Bild nicht sehen magst — auch ich habe es satt —: warum muß dieser Amerikaner es haben? Warum nicht das Museum?“
„Einfalt! Weil es nur die Hälfte dafür gibt. Und meinst du, eine Wahl sei umsonst? Zehntausend Wähler wollen bezahlt sein, jeder mit fünf Lire, und die großen kosten mehr. Aber ich mache es; wir haben gewettet: wie, Marco, Carlino? Ihr sollt sehen, ob ich noch der Alte bin.“
Er verbreitete sich, lockeren Herzens, nach allen Seiten, feuerte Sympathien an, zauberte einen ganzen Garten von Leichtsinn und guter Laune aus all diesen Gesichtern. Musik näherte sich, und eine Schar Volkes, vom Fürsten Valdomini geführt, schrie zu den Fenstern herauf, daß Pardi leben solle, und daß seine Feinde sterben sollten. Und sie machten sich über die beiden Carabinieri her, die die Verkündigung bewachten. Pardi war schon unten und fiel den Angreifern in den Arm. Er sprang auf die Stufen zum Tor und redete: etwas wesenlos Begeisterndes, wovon die Augen ringsum zu blitzen begannen. Dann, die Hand nach der Hausecke gestreckt:
„Dort in meinem Keller wird euch mein Wein für fünf Soldi verkauft. Ihr wißt, daß das wenig ist. Von heute ab aber sollt ihr ihn für drei haben.“
Er war auf einmal in einem Sturm von Händedrücken, ward auf Schultern gehoben und zum Weinkeller getragen. Das Gelage dauerte lange; Lola sah, allein zurückgeblieben, daß auch die Wächter sich hinziehen ließen. Und am Morgen gafften Bürger die nackte Hauswand hinan. Die Verkündigung war fort.
Pardi stand inmitten aller Diener und lachte, daß es ihn bis auf die Knie beugte.
„Ah! Geld wollt ihr?“ rief er den aufgeregten Eindringlingen zu. „Ich habe keins: weniger als gestern. Denn meine Madonna hat man mir gestohlen.“