„Mai! Mai! Die Tini hat Pai gekannt!“
Mais Miene, die ganz Befremdung und Verlassenheit war, ward auf einmal kindlich beglückt; und Lola nickte ihr strahlend zu: „Wie schön, nicht wahr, daß wir hergekommen sind!“
Da waren nun Wesen, die Pai gekannt hatten, die mit Lola verbunden waren, vielleicht denselben Menschen lieb gehabt hatten wie sie!
„Hast du meinen Papa gern gehabt?“ fragte sie.
„Sehr,“ sagte Tini; und sie setzte nochmals an: „Und auch —“; aber dann schwieg sie, ganz rosig.
„Sage, wie du ihn gefunden hast? Als er mich nach Europa brachte, trug er meist einen grauen Anzug . . .“
„Ach, was für Dummheiten!“ merkte sie selbst. Mai, die dazwischenschwatzte, konnte sich nicht naiver gebärden. Wie das belebte! Wie einem warm ward! Sie sah sich um, sie hatte Lust, diese Menschen zusammenzurufen, die Pai gekannt hatten, die ihr du sagten, die ein wenig Blut mit ihr gemeinsam hatten. Gugigl trank ihr zu. Er stand dahinten, auf gespreizte Beine gestemmt, hob das endlich eroberte Glas Bier nervig an sein Gesicht, das es mit geblähten Nüstern erwartete, und führte Lola, den Blick fest und ernst in ihrem, seine Schluckkunst vor. Seine Frau hatte ihren Lodenkragen abgeworfen, hatte flatternden Haares die tannenbekränzte Estrade der Schuhplattler erstürmt, die Dirn weggestoßen und sich statt ihrer gegen den beleibten Balzer geschmiegt. Aber von ihrem Tanzdämon überzeugt, kam sie seinen Bewegungen zuvor, brachte die Äußerungen seiner gravitätischen Brunst in Verwirrung, zappelte in der Luft, wie er sie emporstemmte: — und ohne vorherige Ankündigung, im Zorn noch mit gelassener Kraft, setzte er die enttäuschte Mänade über das bekränzte Geländer. Frau Gugigl mußte einige Pfiffe hören, trotzte aber der Menge und holte sich ihren Mann, um ihn herumzuschwenken.
Mehrere Paare drehten sich, zwischen den Püffen der Vorbeidrängenden. Die meisten saßen indessen unter den tropfenden Kastanien, Rücken an Rücken, die Arme auf die Tischkanten gewälzt; und so oft die Musik sich von ihrem Knarren und Meckern ausruhte, sangen sie sich gegenseitig in die Münder. In ziehenden Tönen, deren Ende sie vor Gefühl nicht fanden, stimmten die Burschen unwahrscheinlich schmutzige Verse an; und die Madln unter ihren Zopfkränzen fielen herzhaft ein, wie in der Kirche. Aus dem Winkel beim Hause wurden sie beobachtet von der eleganten Gesellschaft, deren ragender offener Reisewagen aus dem Verschlage hervorstand. Die Dame hob das Lorgnon vor ihre aufgerissenen Morphinistinnenaugen und führte ihre unbewegte, schlaffe, perlfeine Miene langsam umher. Ein dürftig gewachsener Mensch, der ihr den Rücken im Sonntagsrock halb zudrehte, fesselte sie länger als die übrigen. Niemand fand an ihm vorbei, ohne die Faust, als solle sie das biedere „Grüeß Gott, Schuasta“, verstärken, auf seinen eingedrückten Nasenrücken fallen zu lassen. Der Schuster lachte verlegen, und von Zeit zu Zeit wischte er mit dem Handrücken das Blut weg, das ihm sonst ins Bier tropfte. Sichtlich war er’s gewohnt, war dies ein durch lange Jahre geweihter Brauch, dem sich zu entziehen er selbst am unpassendsten gefunden hätte.
Das Lorgnon der Dame zielte unbewegt in dieselbe Richtung. Nun aber folgte Mai ihm; und Mai begann, die Hand an der Wange, kleine entsetzte Schreie auszustoßen. Gugigl, seine Frau und die Baroneß Utting liefen herbei:
„Ja, was gibt’s? Der Schuster? Aber ihr seht doch, daß es ihm selber Spaß macht. Seid ihr zartbesaitet!“