Siebzehntes Kapitel.
Bald nach Mitternacht brachen die Gäste auf. Schaudernd sträubte sich Sophie, ihrem Manne zu folgen. Er biß die Lippen zusammen und ging allein nach seinem in Nacht und Grausen daliegenden Hofe zurück. Ein ungeheurer Grimm und Trotz lag in seiner Seele, strotzte durch sein ganzes Empfinden.
Er blieb vor dem Scheunentore stehen; er wollte Wache halten, denn so ein Heruntergekommener konnte einem ja das Haus über dem Kopfe anzünden. Doch als er nun die schweren, geräuschvollen Atemzüge vernahm, drängte sich’s auf einmal mächtig in ihm zusammen; zwischen Grimm und Trotz empor züngelte eine feurige Schlange — — und die Schlange hüpfte mitten durch das Tor, schlängelte sich nach dem Bruder ins raschelnde Stroh. — Dicht beim Lager des Bruders stand ein gefüllter Sack. Die Schlange sah sich vorsichtig um in der Nacht, ihre glühenden Augen funkelten durch die Finsternis — rasch löste sie den Knoten und blitzschnell sprang sie in den Sack. — — Und jetzt tönten die Atemzüge des schlafenden Bruders gerade wie wenn Korn verschüttet und vermengt würde.
Marten machte eine heftig abwehrende Bewegung. — Abermals indes züngelte die Schlange empor — auf ihrem Kopfe lag jetzt allerhand schmutziges Korn, auf dem Korn aber lag ein gelbes Papier mit einem großen Siegel, das sah gerade aus wie ein Meierbrief. Und die Schlange sprach: „Du bist es! Du hast deinem Bruder das reine Korn vermengt. Du bist es! Du hast deinem Bruder Lieb und Leben gestohlen. Du hast ihn auf dem Gewissen. Du bist es! Sieh auf! Tausend und nochmals tausend Finger zeigen vom Himmel! Jeder Stamm in deinem Hofe, den du anrührst, wird klein und elend bleiben und zähe Früchte geben. Und jede Saat, die du säest, wird in Unkraut ersticken. Du bist es.“
Marten stob zusammen. Grimm und Trotz war dahin, ein Grauen überlief ihn. Es schnürte sich um ihn und drängte ihn fort.
Horch — jetzt wurden die sägenden Töne drinnen helle, klare Worte: „Mein Schätzchen, biste da? Komm, komm, wir wollen zu Bette gehen ...“
Die Worte gingen in unverständliches Murmeln und Flüstern über, bis auf einmal ein lauter Wutschrei ertönte: „Teufelskerl, du wirfst mir ja wieder lauter Drespen ins Gesicht! Du siehst aus wie mein Brüderchen, aber mein Brüderchen biste nicht.“
Ein heftiger Windstoß fuhr um das Haus, das alte Scheunentor knarrte in seinen schwachen Angeln, und über den Hof kam etwas wie das leise Ausschreiten eines Mannes.
So pflegte der Vater am Sonntage zu gehen — — —