Meister Drewes war gerade an der „Wipprauge“[10] beschäftigt, als Steffen vor der Haustür erschien. Die Wipprauge, ein biegsamer Baum, war unter dem Küchenbalken befestigt, ging hoch über den Querbalken der Türe zwischen Küche und Diele auf die Diele hinaus und setzte hier eine Drehbank, mit der ihr Ende durch einen Strick verbunden war, in Betrieb, d. h. wenn des Meisters starker Fuß es wollte.
Als Drewes den glühenden, strahlenden Freiersmann gewahrte, setzte er sofort den Fuß vom Tretbrette ab, stellte die Radnabe, an der er gearbeitet hatte, an die Wand, wischte sich die Späne von der blauen Schürze, begrüßte den Besuch mit einem kräftigen Händedrucke und führte ihn über den rauchenden Küchenvorraum in die Stube. Wie Diele und Küche, so war auch noch die halbe Stube zur Werkstatt eingerichtet. Unter den beiden kleinen Schiebefenstern der Längswand stand die Hobelbank. Zwischen den Fenstern und einer Holzleiste, die quer unter den Fensterbrettern hinlief, hingen Bohrer, Feilen, Meißel, Stemmeisen und was dergleichen mehr war. An der Giebelwand stand die „Tögebank“[11]; ein Tögemesser lag darauf; Sägen in allen Größen hingen an der Wand; in der Ecke richteten blanke Holzenden, und daß auf der Hobelbank an diesem Tage fleißig gearbeitet war, bezeugten die krausen, frischen, duftigen Hobelspäne, die den Boden bedeckten.
Um so sorgfältiger war die andere Hälfte der Stube gehalten, zu der die trauliche Ofenecke, die Kammerwand und die halbe Giebelwand mit dem einen Fenster gehörte. Vor dem Fenster mit den blitzblanken „Ruten“ standen Blumentöpfe, soviel ihrer nur Platz hatten: Myrten, Fuchsien, Rosmarin und Balsaminen. Blumentöpfe standen auch, in seltsam eigenartiger und künstlerischer Weise gemalt, an den Türen der beiden kleinen Schränke, die nebeneinander in der Innenwand lagen. Es waren tulpenartige Gewächse, die aus den Töpfen in zierlichen Windungen und Verschlingungen herauswuchsen. Auch die Kammertür hatte einen Füllungsrahmen von anmutigem Blumengerank. Der Boden, mit Dielen belegt, war weiß gescheuert und mit frischem Sand bestreut; nicht das kleinste Holzspänchen hatte sich dazwischen gewagt, und als Steffen mit seinen schürfenden Schuhen etliche der krausen Dinger bis nahe an den Tisch schob, bückte sich der Meister hurtig danach und warf sie zurück in sein Reich. „Wenn das Fieke sähe,“ bemerkte er leise mit aufgezogenen Brauen und drolligem Mienenspiel, „gäb’s ein großes Unwetter — nicht wahr, Mutter?“
Die Meisterin, die mit etwas schiefer Schulter am Spinnrade saß und Wolle spann, nickte ihnen lachend zu, legte den braunen Wollstrang, den sie unterm Arm hielt, über das Rad, begrüßte Steffen herzlich, aber doch mit einer gewissen Zurückhaltung und fragte nach dem Zustande des Vaters.
„Hat ’n die Borstelmannsche gebötet?“[12] fiel Drewes schnell ein.
Steffen zuckte die Achseln. „Die Borstelmannsche ist freilich dagewesen, hat auch ihre Baute getan; aber geholfen hat’s nicht. Vater sagt selber, da hülfen keine Zimperteggen[13] mehr. Er wäre ein mürber Apfel, der nur noch halb am Stengel hinge und beim ersten Windstoße ins Gras fiele.“
Mutter Drewes, die in ihrem weiten Flausrock drall und rundlich aussah, legte bedauernd die Hände zusammen, während der Meister nachdenklich durchs Zimmer schritt. „Will’s Gott, Junge, so ist’s wohl nicht so schlimm,“ sagte die Frau und wischte sich mit der Schürze über die feuchtgewordenen Augen. „Wenn nur mal der alte Braunschweiger Schäfer wieder käme, der den wunderbaren Bötesegen kann, der schon so vielen geholfen haben soll,“ sagte sie und sah Drewes an, der an einer Pflugzunge hobelte. Er legte den Hobel hin und meinte, von dem hätte man schon so lange nichts mehr gehört, der würde wohl tot sein und den Bötesegen mit in die Erde genommen haben.
Frau Drewes riet noch dies und jenes und mahnte: „Seid nur recht um ihn herum und backt ihm öfters ’n Spiegelei, daß er nicht gleich zu sehr von Kräften kommt.“
„Mutter, unsere Fieke soll ihm mal was ordentliches zurecht machen,“ sagte Drewes, klinkte die Tür auf und rief nach der Küche hin: „Fieke! Fieke!“
„Wo brennt’s denn, Vater?“