„Gleich gehste wieder rum!“ befahl der Alte und machte eine energische Bewegung. „Ich habe keine Zeit zu verlieren und will doch die Sache noch in Ordnung gebracht sehen. Rufe mir Marten herein, daß ich mit ihm sprechen kann. — Und nun geh!“
Marten begegnete ihm bereits auf der kleinen Treppe, die zur Stube hinauf führte. Wie es schien, hatte er gehorcht.
Steffen ging in die Küche, sah nach der Eimerbank und holte noch geschwind eine „Reise“ Wasser vom Bache herein. Dabei kriegte er plötzlich das Grübeln. Eine eigentümliche Empfindung sagte ihm, daß er bei dem Besuche in Drewes Hause doch eine ziemlich klägliche Rolle gespielt hätte; eine heiße Welle schoß ihm ins Gesicht, und er duckte den Kopf, um die Empfindung zu verbergen. Er blieb im Wirrwar der Gedanken hängen und geriet allmählich in eine fiebernde Aufregung. Das fühlte er: So „stoffelig“ durfte er dem Mädchen nicht noch einmal kommen, sollte das Apfelpflücken ihm etwas anderes einbringen als einen freundlichen Dank. „Wenn ich nur nicht so einen abscheulichen Holzkopf hätte,“ seufzte er gar und machte zwei komische Fäuste gegen seine Stirne.
Plötzlich gab’s ihm einen Ruck, er machte einen hastigen Schritt nach dem schwarzen Schranke, der in der Herdecke stand, öffnete die schief hängende Tür mit einiger Behutsamkeit und nahm einen verkorkten schmalen Krug heraus, der bei der Bewegung ein eigentümliches „Schülpen“[17] hören ließ. Er tat einen raschen Zug, setzte den Krug hin, sah sich wieder um, trank abermals und flüsterte, während zwischen den fahlen Lidern ein heller Strahl herausschoß: „Du mußt mir ’s Herze kuragierter machen!“
Bald danach stand Steffen bei Sophie unter dem Rötchenbaume. Sie meinte etwas kleinlaut, er könne doch die Äpfel bald nicht mehr sehen.
„Oh, was ich nicht sehe, das fühle ich,“ erwiderte er eifrig, band sich ein weißes Laken um und stieg rasch hinauf. Sophie trat auf eine der unteren Sprossen und suchte von den nächsten Zweigen abzupflücken.
Meister Drewes ging eben mit einem Pflugrade am Zaune vorüber. „Na, das ist recht, Steffen!“ nickte er befriedigt und setzte seinen Weg fort, blieb jedoch nach einer kurzen Zeit wieder stehen und rief zurück: „Laßt aber ’n paar Äpfel sitzen, sonst trägt der Baum im nächsten Jahre nicht.“ —
Steffen pflückte behende Apfel um Apfel, wobei die Zungenspitze immer mitpflückte und um so länger herauskam, je schwieriger ein Zweig zu erreichen war.
Sophie kicherte, sagte aber nichts.
Ebensowenig sagte er etwas, denn er wußte nichts; er hoffte, daß ihm beim nächsten Apfel etwas Gescheites einfallen würde. Zu seinem nicht geringen Verdrusse fiel ihm jedoch gar nichts ein, und so hörte man außer dem Knicken und Knacken der Zweige und dem Rascheln der Blätter lange keinen Ton zwischen den beiden. Plötzlich klang es ihm im Ohr, so daß er im Pflücken innehielt, die Hand vor’s Ohr legte und das Mädchen witzig fragte, ob sie’s auch gehört hätte.