„Wenn ihr mal von Föhrste über ’n Nattenberg nach Imsen gehen solltet, findet ihr dicht am Wege einen Denkstein, bei dem ihr ’n Augenblick stehen bleiben müßt. Das ist der Kirkstein, und der erzählt eine Geschichte und gibt zu denken, nämlich, daß Kain seinen Bruder Abel nicht nur einmal, sondern tausendmal tot geschlagen hat.“ Darauf erzählte der Alte diese Geschichte:
„In Imsen drüben über’n Bergen lebte um die Zeit, als Napoleon ins Land kam, ’n Bauer, der hieß Kirk. Er hatte zwei Söhne. Und der älteste mußte mit Napoleon nach Rußland und hatte nichts wieder von sich hören lassen. Man glaubte, daß er mit den vielen andern — ihr wißt ja, mein Bruder ist auch nicht wieder gekommen — im russischen Schnee liegen geblieben sei, man wußte es jedoch nicht genau. Als nun der alte Kirk starb, — ’s mag in dem Jahre gewesen sein, als unsre dem französischen Schustersohn bei Waterloo ’s Fell gerbten — da verschrieb er seinem Zweiten den Hof, machte aber die Bedingung: Sollte der Älteste wieder kommen, dann gehört der Hof ihm, und du bekommst in dem Falle 200 Taler. Das wurde geschrieben und besiegelt. — Ja und der Älteste kam wieder, zwei Jahre fast nach dem russischen Feldzuge. Er war in Gefangenschaft gefallen, krank und elend geworden und hatte den ganzen Weg von Rußland bis nach Alfeld zu Fuß gemacht. Als nun der junge Kirk, der sich unterdessen schon ’ne Frau genommen hatte, die Botschaft kriegte, daß sein Bruder noch unter den Lebenden und sogar schon auf dem Wege nach Imsen sei, packte ihn der Satan und machte in seinem Busen ’n Schwefelfeuer an. Kirk beredete sich mit seinem Tagelöhner Ruhmann und wurde mit ihm eins, daß sie dem Heimkehrenden entgegengehen und ihn schon unterwegs willkommen heißen wollten. Und sie nahmen Rübenhacke und Grabschute und gingen, als es so gegen Abend kam, hinter den Höfen herum ins Feld. An dem Wege, der von Alfeld herführte, stand ein dicker Hagedornbusch, da setzten sie sich hin und lauerten, ob er wohl käme. Es dauerte auch nicht lange — der Düwel lauert selten vergebens — da kam der ältere Kirk an, in abgerissenem, kunterbuntem Zeuge, angegriffen und wund, aber voll großer Freude, daß er nach all der langen und unsäglichen Trübsal nun die liebe Heimat wieder vor sich hatte. Und als er gar die beiden Männer am Busche sitzen sah, schwenkte er die Mütze und konnte sich in seiner Freude nicht lassen. Da ging der Tagelöhner Ruhmann hin und schlug ihn mit der Hacke.“ ...
„So ’n falscher Hund, so ’ne Kanaille!“ rief Steffen und sprang mit geballter Faust auf, während Marten ruhig sitzen blieb und, ohne eine Miene zu verziehen, auf den weiteren Verlauf der Erzählung wartete.
Der Alte atmete tief und setzte wieder ein: „Ja und schlug’n mit der Hacke. Das war der Willkomm. Der arme Kriegsmann, der weiß Gott in wie viel Schlachten tapfer zugehauen hatte und immer heil davon gekommen war, dachte jetzt gar nicht daran, sich zu wehren, so ungeheuerlich mochte ihm dieser Empfang vorgekommen sein. Stand denn da nicht auch der einzige Bruder, den er hatte? „Brauer, help!“[19] schrie der Angefallene, und nun sprang der auch hinzu. „Teuf, eck will deck helpen!“[20] antwortete er und schlug seinen Bruder mit der Grabschute vor den Kopf, daß er hinfiel und starb.“ ...
„Daß Gott so ’ne Schändlichkeit zugeben konnte!“ rief Steffen.
„Gott saß eben nicht hinter’m Busche,“ erwiderte Marten achselzuckend.
„Gott ist doch überall,“ warf der Ältere aufgeregt ein.
„Aber nicht als Gendarm,“ gab Marten überlegen zurück.
Da nahm der Alte das Wort wieder auf. „Gott war dennoch da. Vor den Busch stieß ein Kleeacker, der Kirk gehörte. Und der Klee stand hoch und schön und blühte weiß und rot und konnte jeden Tag gemäht werden. Da nahmen sie den Toten und scharrten ihn in den Kleeacker. Gott saß nicht hinterm Busche, aber er stand da, wo man die ganze Welt übersehen konnte, das Große und das Kleine, den Berg und den Multhucken[21], den Adler in den Lüften und die Biene im Klee. — Kirk und Ruhmann dachten daran nicht, sie wußten, es hatte sie keiner gesehen; und am andern Morgen in aller Herrgottsfrühe zog Kirk mit dem Pfluge nach dem Busche und pflügte, so rasch die Pferde gehen konnten, den Kleeacker um. Darüber verwunderten sich alle Leute, die vorüber kamen und bedauerten den schönen Klee und fragten Kirk, warum er denn so ’n schönen Klee umpflüge? Da sagte Kirk, er hätte gehört, daß grüner Klee so kolossal dünge, und darum hätte er’s getan, man müsse doch so etwas mal erproben. No ja. Die Leute schüttelten die Köpfe und gingen weiter. An dem gleichen Tage aber kam von dem benachbarten Wispenstein ein Förster mit seinem Hunde des Wegs, und der Förster wunderte sich ebenfalls über den umgepflügten Klee, denn die schönen weißen und roten Köpfe guckten noch frisch und schön unter allen Schollen heraus. Der Hund aber fing auf einmal mitten auf dem Acker heftig zu scharren an und guckte zwischendurch so eigentümlich und mit so seltsamem Winseln nach seinem Herrn, daß dieser ihm nachging und den Hund fragte, was er denn da hätte. Der Hund winselte und scharrte und scharrte — — und siehe da, ein Menschenarm reckte sich aus der Erde. Der Förster holte sofort den Bauermeister herbei, und nun dauerte es nicht lange, da war alles am Tage, und da wußten es bald alle Leute, warum Kirk den schönen Klee umgepflügt hatte. — Die beiden Mörder aber wurden auf einer Kuhhaut nach derselben Stelle geschleift, wo sie den Heimkehrenden ermordet hatten; sie wurden mit der Henkerskeule langsam totgeschlagen und dann aufs Rad geflochten. Und der Kirkstein, der an derselben Stelle errichtet wurde, wo der Bruder den Bruder erschlug, erzählt die Geschichte allen, die vorüber kommen — geht einmal hin, Jungens, es schadet euch nicht, wenn ihr euch den Stein auch mal anhört.“