Du lieber Gott, darein müsse er sich schon geben, der stolze Marten, dachte er für sich. Der Vater habe doch nur den einen Hof hinterlassen, und wer einmal keinen Hof hätte, könne doch auch nicht daran denken, solch ein Mädchen wie die Fieke zu bekommen. Wäre er vom lieben Gott zum Zweitgeborenen bestimmt gewesen, würde er eben auch zusehen müssen. Eine Ziege könne keinen Schwanz haben wie eine Kuh, und der Sperling könne in kein Gänsenest legen wollen. Das wäre nun einmal wider Gottes Ordnung. Dann aber begann er zu fürchten, daß Marten sich mit der Absicht trage, in die Stadt zu gehen und Kutscher zu werden oder sonst was, hatte doch sein Sinn immer nach höhern Dingen gestanden.

Steffen grübelte darüber nach und zog schließlich die Stirn kraus: Denn er betrachtete diese Möglichkeit nicht als ein eifersüchtiger Liebhaber, wozu er wohl allen Grund gehabt hätte, sondern erwog sie als Bauer, der auf seinen Vorteil bedacht sein muß. Jedes Buchenblatt und jedes Strohspier, das wußte er von klein auf nicht anders, mußte man achten und nützen; von wie großem Gewicht mußte ihm darum der Verlust der Arbeitskraft erscheinen, der mit Martens Weggange eintreten würde.

Es kam aber hinzu, daß Marten dann auch seine Abfindung zu haben wünsche, und das waren bare 80 Taler. Achtzig Taler aber war für den Hof ein ganzes Kapital, wenn es auf einmal gegeben werden sollte, zumal in diesem Jahre mit den neuen Meierkosten. Dann könne man nicht umhin, einen Knecht zu mieten, erwog Steffen weiter, und ein Knecht, solle er einigermaßen sein, koste doch gut und gern seine sechzehn oder achtzehn Taler, und die habe man doch auch nicht gleich in der Hand. Nun noch, was dazu gehöre an Trinkgeld und Deputat.

„Meinst du nicht auch, Fieke?“ fragte er sein Mädchen, als es gerade damit beschäftigt war, die Milchbriwen von den hohen Wandbrettern in der Stube zu nehmen.

Sophie probierte ein wenig mit dem Finger, ob der „Smand“ (Rahmen) schon wäre, und überhörte dabei seine Frage ganz und gar.

„Meinst du nicht auch, Fieke?“ wandte er sich nocheinmal an sie, indem er den wackelnden Stuhl hielt, auf dem sie stand, um an die Milchbretter zu reichen.

Sie sprang auf den Boden und begann die erste der Briwen, die sie auf den Tisch gestellt hatte, mit einem hölzernen Löffel abzurahmen.

„Meinst du nicht auch, Fieke?“

Fast ungehalten sah sie nun den Frager an und antwortete — aber da guckte sie schon wieder auf ihre Arbeit: „Dazu kann ich dir eigentlich nichts sagen, Steffen, das mußt du als Bauer selbst am besten wissen. Doch wenn du einmal meine ehrliche Meinung hören willst“ — nun sah sie ihn wieder mit offenen und ehrlichen Augen an — „dann laß deinen Bruder getrost gehen, wohin er will, wenn es ihm einmal zu Hause nicht mehr behagt. Das wird doch nichts Rechtes zwischen euch beiden, und wir müssen sehen, daß wir auch ohne ihn fertig werden. So, Steffen, das ist meine Meinung.“

Steffen kratzte sich den Kopf, wiegte ihn zwischen den Schultern, ging hinaus und kam wieder herein, sah Sophie wieder an, sah durchs Fenster den scharrenden Hühnern zu und dachte wie sie immerfort und immer nur an das, was ihm nützte.