»Er zog freilich seinen Worten ein solch’ Kleid an, daß sie ihm, dem geistlichen Vater, nicht gar zu übel stunden, noch unhübsch erschienen und ungelind: aber, glaubt mir, sie hatten die Absage hinter sich, die harte Absage, nichts anderes. Er sagte – o, er stellte Euch die Worte meisterlich! – er sagte also: Es stünde leider bei ihm gar nicht, der Meinung seines Herzens nachzugeben, das auf so bewegliches Ersuchen und so eindringliche Bitten werthester Freundschaft freilich ohne Verzug ihm die Gewährung abzwingen würde; aber er dürfte nichts in dieser Sache wider die Satzungen der heiligen Kirche, und das sei ein bedenklicher Handel; was dazu von Maulbronn und sonst für Beweis und Urkund für und wider würde an’s Licht gebracht werden – darauf käm’ es an, und bis dahin müßte Inculpat allerdinge dem geistlichen Gericht unterstehen und dürfte des Gewahrsams in keinem Wege entledigt werden. Im Übrigen würde er sich die Ehre der Kirche und des heiligen Ordens, wie das Begehren seiner Freunde und Euer Bestes, Junker, beständig vor Augen halten.

Da hättet Ihr sehen sollen, Herr Diether, wie starken Kummer Euer Vater aus solchen Worten sich zu Herzen gezogen hat. Denn er hatte wohl die Vereinigung mit Euch näher gesehen. Er senkte eine kurze Weile schweigend sein Haupt. Dann sprach er zum Bischof mit großem Ernst: »Würdiger Herr! Ich ehre die heiligen Gebote der Kirche. Aber wehe! wenn sie sich wider Gottes Gebot und Willen setzen. Er begehrt gezwungnen Dienstes nicht. Er ruft meinen Sohn zu mir. Daß ihm Freiheit werde, diesem Ruf zu folgen, das ist mein Tagwerk; ich muß es vollbringen!«

Alsdann winkt’ er dem Grafen zu und sie unterredeten sich, indem sie ein wenig abseits wichen. Aber nur eine kleine Zeit, so ließ Herr Bruno sich nicht aufhalten, sondern umfieng Herrn Eberhard mit herzlichen Worten, nahm seinen Urlaub und gieng ungesäumt und mit eilenden Schritten von dannen.«

Muß ich sagen, wie mir zu Sinne war bei Allem, was mir Klingsohr berichtete; wie ich erschrak, als ich zuerst von Brun’s Ankunft auf der Höhe vernahm; wie mir’s dann im Herzen aufgieng einem freudenhellen Sommertage gleich, dessen aufgehende Sonne von jubelnden Lerchen tausendstimmig begrüßt wird und in ungezählten Thautropfen sich spiegelt, als ich erfuhr, wer Brun war, welch’ heilig Band mich mit ihm verknüpfte, und daß er mir in Bruno’s Geschichte seine eigne Vergangenheit, die Wunden und Hoffnungen seiner Seele anvertraut hatte! Mir war’s dem Falken gleich, dessen von der Hülle befreitem Auge man hoch in den Lüften das Ziel weist, dem er sich mit freudigem Geschrei entgegenschwinget. Auch mir winkte nun solch’ ein Ziel: meinem Vater, der mich so und den ich so liebte, nahe zu sein, ihm zu Trost und Erquickung, ihn der Einsamkeit und jeglichem Trübsinn zu entreißen, ritterliche Ehre von ihm zu erlernen, sie dem Namen, den wir trugen, zu erjagen und seinen Segen zu erben. – O, und meine Mutter! Mich durchschauerte ein froher Schreck, da ich ihn dachte, diesen Namen: nie bis dahin von mir gerufen: ödes, schmerz-, aber auch freudenleeres Leben, wie hatt’ ich’s nur ertragen mögen! – Gott! Gott! Wenn ich auch sie einst fände, meine arme Mutter; wenn ich ihr an meiner Hand den Vater zuführen könnte, und in einer Umschlingung Beide an

dies Herz drückend, spräche: »Seht, Euer Sohn ist glückselig, er hat Euch wieder! Seid es nun auch Ihr!« – gewiß dann würden die alten Wunden sie nicht mehr schmerzen, sie würden ihrer Schuld Vergebung glauben und üben, und ich, ihr Sohn, mit dem Mal der blutgen That gezeichnet, durch deren Kunde die Erschreckte in die Wildniß getrieben ward, hülfe ihnen zur neuen Freude, zur Liebe und zum Frieden! –

So frohe Bilder leuchteten in meiner Seele auf, und um die Sonne, von der sie bestrahlt wurden und all’ mein Sinn und Muth, stunden selber schimmernd im himmlischen Glanz die Worte geschrieben: »Dein Vater ist dir gefunden!«

Da hätten gewißlich auch Augen, die mich minder scharf ansahen als die kleinen blitzenden Klingsohr’s, derweilen er sprach, solches Entbrennen meines Herzens vermerkt. Er aber, als er mit seiner Erzählung zu Ende war, trat dicht zu mir und sagte:

»Auf, Junker, sinnt nicht lang also,
Sagt, macht Euch nicht die Märe froh?«

»Klingsohr, lieber Klingsohr!« gab ich zur Antwort, »ist’s so, wie Ihr mir sagt, und ich trage daran keinen Zweifel, so harr’ ich der Stunde, die mir Befreiung bringt, mit zwiefachem Sehnen. O daß sie bald erschiene!«

»Harren wollet Ihr, harren?« fragte der Kleine wieder, und er schnarrte das Wort spöttisch heraus und schlug seine Hände beide in einander, als wär’ es etwas recht Erstaunliches, was er hätte hören müssen. – »Wie lange, Herrlein, seid Ihr denn bereit und willfertig, hier zu harren?«