Mit solchem Sinn hatt’ ich mich aufgemacht und war aus Welschland wiederum heimgezogen. Ich mied, Denen wieder zu begegnen, die mich kannten; denn ich wußte, Ihrer Viele würden mich von dem Ziele, das ich erwählt hatte, wiederum abzuwenden trachten, als wäre nur von der unmäßigen Traurigkeit mir dazu gerathen; und es war und blieb doch mein fester Wille.
Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland angelangt war, mein Erbgut aus meinem Besitz entlassen und dabei allen Grundholden, so darauf saßen, eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und Lasten erwirkt, auch dafür gesorgt, daß ein Stift, das da nahebei gelegen war, für festbenannten jährlichen Schoß und Zins männiglich von meinen Leuten in Alter und Siechthum pflegen mußte und was preßhafte Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide, daß sie meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum beraubt werden sollten, und als ich von ihnen Urlaub nahm, wünschten mir Alle Gottes Geleit immerdar, und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen Thränen; die beiden Fahrenden aber nicht also, denn
sie waren mit dem wiederkehrenden Lenz davongezogen und hatten lieber ihr Geding als ihr gewohntes Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr Ausgesetztes, daß sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten. –
So zurückgewendet waren meine Gedanken, da ich zur winterlichen Abendzeit die Gefilde Maulbronns vor mir liegen sah.
Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten und im bunten Gedräng an meiner Seele vorüberzogen, konnt’ ich mich wundern, daß ich als so sehr ein Anderer heimkehrte, und daß ich deß jetzt beim Anblick der alten Stätten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte diesen Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen, auch ferner nicht. Sie Alle sollten mir helfen aussprechen, was das Menschenherz zumeist bewegt und was es über sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner Seele, bis sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verklärtes Leben wiedergewönnen in den Gebilden meiner Hand.
Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und hohe Wonnen zurückrief und zugleich in das Nachgefühl so grausamer Enttäuschung? Schwebte nicht jetzt wieder ihr winkend Bild meiner Seele vor, schön wie der Mond und prangend in blühender Jugend, aber auch ernst und nur in Schwermuth lächelnd wie er! »O«, dacht’ ich, »so traurigen Blickes sah ich sie nie, und nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als fühlte sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete mich auf meinen Wegen mit treuem Angedenken, da sie doch ihr eigen Glück erwählt und meiner längst vergessen hat.« Und ich wünscht’ ihr alles Gottesheil und setzte mir vor im Geist, in’s Künftige nie keinerlei
Unmuth zu hegen darum, daß sie mich verstoßen hatte; denn ich fand, ohne solchen Willen hätt’ ich keine Ruhe des Gemüths und Frieden zu erhoffen. – Aber ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt. Es vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes Weh als das der Trauer und gerieth darüber mit ihm selber in Widerstreit.
»Still«, sprach ich, »die Abgeschiedenheit wird Dich lehren, auch das zu überwinden, und alsdann wird auch diese Erinnerung Dich nicht mehr verwirren.« Aber es war, als spräche eine andere Stimme dazu: »Nein! das wird nicht geschehen.«
Unter solchen Gedanken hatt’ ich die Höhe erreicht, von der aus ich die Abtei vor mir liegen sah in der Abenddämmerung: es war derselbe Ort, von wo aus ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich zurück gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur Matutin riefen.
War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt vernahm? Wie anders däuchte mich der, als ich ihn gewohnt war zu hören! – Gewiß, es rief zur Vesper! Und ich faltete meine Hände, das Ave zu beten. Doch nein! Das war nicht das Geläut, das täglich zur Abendzeit ertönt. Auch dieser Schall war mir nicht unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn deutlicher zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen ward. Davon kam eine große Herzensschwere über mich, und als ich vom klagenden Schall geleitet hinabschritt, bat ich die göttliche Erbarmung, doch heut und immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges Ohr auch den Harfentönen aufzuthun, die um Seinen