Thron die lichten Schaaren beständig erklingen lassen, von solchen Himmelsklängen hier im Dunkel nur ein Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten Wiederhall!
Der Thorbogen unterm Thurm an der Brücke stund offen, und der Schnee dämpfte meine Schritte, also daß Niemand mich bemerkte, als ich hindurch schritt. Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des Pförtners Hündlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt und sprang mit kosender Freude an mir in die Höh’, wie dieser Thiere Weise ist; aber mein Kommen verrieth es nicht.
Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies geheißen, dann linkswärts in den überwölbten Gang und durch die Öffnung, welche in die Kreuzgänge führt, die hier den Friedhof umgeben. Zögernd schritt ich vorwärts, und die nun nahe über mir erdröhnenden Schläge der Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah ich, zwischen den Pfeilern stehend, den überschneiten Friedhof und dort drüben die Brüder, einen gedrängten Haufen.
Es brauchte nicht des dumpfen Geräusches der hinabrollenden Erdschollen, das zwischen dem Rufen der Glocke an mein Ohr schlug, um mir kund zu thun, daß man da einen Leichgang gehalten, die Feier soeben beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte. Sie hatten Alle nur Acht auf ihr traurig Thun, und Ihrer Keiner hatte mein Nahen gewahrt. Auch barg mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten war, da trat ich hin und sah hinüber. Wie manches Mal hatt’ ich als Kind schon diesen Anblick gehabt und da des Rechts genossen, das allein die Kinder mit
den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des Todes nicht gestört zu werden in ihrer schuldlos spielenden Freude, weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen. Aber welch’ herbes Weh durchzuckte mich heute!
Nun verstummte das Geläute, und die Brüder erhuben nach Gewohnheit den Gesang:
»Flens ego sum genitus, celebrantur funera fletu, transacta innumeris vita fuit lacrimis, O miserum mortale genus lacrimabile semper, quod factum ex cinere est, solvitur in cinerem.«
(Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begräbt man die Todten,
Unter viel Thränenerguß schwindet das Leben dahin;
Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth immer!
Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.)
Dann ward eine kleine Stille, und der Priester sprach: »Lasset uns beten: Herr, schenke ihr die ewige Ruhe!« Und die Brüder antworteten: »Und das ewige Licht leuchte ihr!«
Darnach hub der Priester wiederum an: »Löse, HErr, die Seele Deiner Dienerin Irmela von allen Banden der Sünde, auf daß sie in der herrlichen Urstände unter Deinen Heiligen und Auserwählten wieder auflebe.« Und der Abt betete: »Leite auch, Herr, unsern Diether an Deiner Hand, und so er erfährt von diesem Begräbniß, so sei’s ihm zum Heil und Segen!« Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich zu gehen, denn die Finsterniß war hereingebrochen.