Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir und ich sank zur Erde.
»Hilf Gott! Diether, armer Diether!« hört’ ich rufen, als mir die Sinne wiederkehrten. Da winkte
Herr Albrecht den Andern, daß sie von mir abließen, richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab.
Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse, und er litt es ganz väterlich.
Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet hatte, wollt’ er nicht leiden, daß ich ihm berichtete von meiner Fahrt und wie es mir damit gerathen wäre, sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die wäre für mich bestimmt, sagt’ er, sie zu lesen, – tröstete mich mit lindem Wort und ließ mich allein.
Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen geschrieben, dem die selige Maid ihre letzte Beichte gethan hatte mit dem Geheiß, so sie verschieden sein würde, solch’ ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben, daß es mir, wenn es Gott so fügte, zu Handen käme: denn dort wollte sie begraben werden.
»Er soll wissen«, hieß es darin, »daß meine Treue gegen ihn alle Zeit unwankend geblieben ist und ich keine größere Glückseligkeit wußte im Leben, als mit ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah bald, daß das nimmer geschehen würde, sondern daß allerdinge über ihn beschlossen war, in seine Losgebung nicht zu willigen, und daß, was man von meiner Herzensneigung zu ihm gespürt hatte, um so mehr zur Ursach’ ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war’s mir ein großes Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen zu wissen sein Leben lang, und ich willigte in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte dafür, daß Diether’s Losgebung vom Bischof erwirkt würde. Ich wußte, daß ich mich damit von Glück und Freude schiede für immer; aber es war mir ein süßer Trost, mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch
daß ich ihn nie wiedersehen dürfte, noch er je erfahren, durch wen er seine Losgebung erlangte, sondern im Wahn verbleiben, als hätt’ ich ihn verstoßen und die Treue gebrochen, daß ich auch gegen den, der mich zum Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren mußte: dies nagte an meinem Leben allzusehr, und ist Ursach’ worden, daß eine andere Hochzeit für mich vorhanden ist, als die, für welche man mich ausersehen hat. Ich danke Gott im Himmel dafür. Die reinste Wonne, so die Erde gibt, hab’ ich erfahren; sie kann nur kurz sein. Ich bin zufrieden, abzuscheiden; nur um meinen Ohm ist’s mir Leid. Die ewige Dreifaltigkeit mög’ ihn trösten!«
»Mein Gebein aber soll an der Stätte der Urstände harren, die Diether’s Heimath war. Ihm möge Gott des Lebens Glück bescheren und hernach die ewige Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich hinderlich an einer Freude sein. – Kommt er aber einst zurück nach Maulbronn, weil die Dörner rauher Wege, die er geführt ward, seine Füße zu hart verletzt haben, so schöpfe er aus diesem meinem letzten Gruß eine Linderung.«
»Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter’m Schall der Nachtigall weiße Blüthen über mich schüttete, wünschtest Du mir, Diether, es möchte nie kein anderer Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend fallen, als dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch Dir der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt und Du über allzufrüh verwelkte Blumen trauerst, alsdann denke, daß nicht bloß auf jeden Lenz ein Herbst, sondern auch auf jeden Herbst ein Lenz folget. – Gott und Sein Heer lasse mich den gewinnen, der ewig blüht!«