Des andern Tages früh, da ich mich wieder auf den Weg machte, wollte mich Brun doch nicht allein ziehen lassen, sondern er geleitete mich eine gute Strecke. Das that er, nicht bloß, weil er besorgte, ich möchte aus der Irre, in die ich gestern gerathen war, die rechte Straße allein nicht wieder finden, sondern auch, daß ich an ihm einen Schutz hätte gegen Fährlichkeiten. »Denn«, sagt’ er, »hier herum ist das Wegelagern nicht selten, und wer sicher durchziehen will und ungekränkt an Hab und Leben, der sollt’s, wenn er nicht selbst wohl bewehrt ist, nicht wagen ohne Geleit. Da und dort auf den Bergen ragen stolze Burgen, drin hausen gestrenge Ritter, wie man sie heißt, die aber das Rauben treiben wie ihr Handwerk.«

»Ich hab’ wohl wenig zu fürchten, Brun«, sagt’ ich gutes Muthes, »daß mich dieser kampflichen Gesellen einer anrenne, der ich unbeschwert von Gut und Habe meines Weges ziehe. Was sollte man an mir armem Klösterling gewinnen, so man mich fienge?«

»Man könnt’ Dich doch für einen Andern halten,

als Du bist, Diether, wie auch ich Dich mißkannte, als Du mich ansprachst. – Daß ich da so rauh mit Dir fuhr,« setzte er freundlich hinzu, »muß Dich nicht irren: es war aus guter Meinung geschehen. Denn sieh, so schlimm ist heutzutage die Welt, daß auch ein Einsiedel sein löblich Thun mit großer Vorsicht und Heimlichkeit betreiben muß, als hätte er dabei ein bös Gewissen. Weil ich nämlich, was sich hier in Wald und Bergen zuträgt, und das Gehen und Kommen der Herren, ihr Liegen und Kriegen, Frieden und Fehde gut genug erkunde, so bin ich den redlichen Leuten, die hierdurch in Frieden fahren wollen, gern zu Rath und Warnung bereit. Sie kennen mich wohl auch und haben mich erprobt. So werd’ ich oft beschickt, daß man mich fragt, ob’s wohl stehe im Gebirg oder nicht. Aber ich darf Keinem trauen, der mir nicht Bürgschaft gibt, daß er sicher ist und kein Schelm, von den Geiern hier herum abgesandt, die mir längst auf der Lauer sind.«

»So habt Ihr auch an mir Euch als Helfer und Berather treulich bewiesen und meinen armen Dank wohl verdient«, sagte ich, indem ich seine Hand ergriff, »und nimmer werd’ ich Euer vergessen.«

Da schlug er ein, sah mich gar gütig an und sagte: »Ist das Dein Ernst, Diether, so hab’ Du allerwege ein Vertrauen zu mir. Es mag sich wohl fügen, daß es Dir eine Freud’ ist oder ein Trost, zu denken, es lebe Einer, der Dir von Herzen gern diente, weil er Dir von Herzen gern das Beste gönnt – hauset er auch gleich einsam und hat nicht Macht, Gut, noch Ehre in der Welt. Vielleicht ist’s Dir dann lieb, den Weg zu wissen, der durch den Wald fern zu St. Wigbert führt, und Du verlangst, sein Kirchlein Dir winken

zu sehen und in der Klause Deinen getreuen Eckhart, den alten Brun. – Nun, Jüngling, fahr’ wohl! Die Landstraße, die da entlang sich zieht, heißt uns scheiden. Aber in aller Ferne bleibt’s dabei: Brun gedenkt und, willst Du zu ihm, harret Dein immerdar.«

Ich wollt’ ihm nochmals danken zum Abschied, aber er wollt’s nicht haben, drückte mir liebreich und herzhaft die Hand und gieng.

Ich sah ihm nach, bis er hinter den Tannen des Waldpfades verschwunden war, der ihn in seine Siedelei zurückleitete.

Dann gieng auch ich wohlgemuth meine Straße. –