Vor sich hatte er eine geöffnete Truhe, die er aus der Kluft hervorgeholt haben mochte, und mit Staunen sah ich, wie er daraus gestickte Zeuge, Schapel, Schleier, Spangen von großer Kostbarkeit hervorlangte. Nur für einen Augenblick kam mir der Gedanke, ich könnte in die Höhle eines Räubers gerathen sein. Denn das waren nicht die Blicke der Habgier, mit denen er die Kleinode betrachtete.
Vielmehr drückte sich ein tiefer Gram aus in seinem Angesicht, wie er mit zögernden Händen ein Stück nach dem anderen herausnahm und sorglich wieder an seinen Ort legte. Endlich schien er gefunden zu haben, was er suchte. Es war ein Bündlein von vergilbten Blättern. Es mochten Handschriften oder Briefe sein; denn ich sah, wie er sich zu lesen anschickte. Aber reichte das Licht nicht zu oder waren seine Augen trübe, er ließ die Hand, welche das Blatt hielt, auf die Knie’ sinken. Da entfiel dem Papier etwas, wie eine verwelkte Rose. Hastig hub er sie auf, als wäre die arme Blume ein großer Schatz. Er sah sie lange an, öfters seufzend, und sein Haupt sank ihm tief auf die Brust. Da verlosch das Feuer, und das mildere Mondenlicht fiel durch das Fenster in die Zelle. Seine Strahlen umflossen den Regungslosen. »Er ist eingeschlafen«, dacht’ ich. Aber im flimmernden Mond blinkten reichliche Thränen die Furchen seiner Wangen hinab in seinen Bart, und was ich anfangs für das Rauschen ferner Wipfel gehalten hatte, war sein leises Schluchzen.
»Tröst’ ihn, lieber Heiland, in seinem Leide«, betet’ ich da in meinem Herzen, »und gib Deine Gnad’ uns Allen!«
Und damit entschlief ich.