»Heb’ aber an, Bruder!« rief da Klingsohr, »leg nicht weg die Fiedel. Hast da unserem geistlichen Gast schier das Herz im Leib’ umgekehrt mit Deinem Lied, wie ich merke. Noch eins! Und eine Weise, die sanfter eingeht!« Der Andere stimmte seine Fiedel wieder zurecht, und jetzt giengen seine Töne ebenen Weg. Dies war sein Lied:

»Des Herzens Schwere zu verjagen,
Gab ich es ganz der Minne hin;
Hört’ ich doch viel die Meister sagen
Von ihr als Leidverleiderin.

Da hub sich’s an in mir zu lenzen;
Doch schwand die Sälde allzujach, –
Denn ach, von allen bunten Kränzen
Blieb nur der Dorn im Herzen nach.

So mißgerieth mir all’ mein Wähnen,
Und was ich wollt’, gedieh mir schlecht.
Erst hochgemuth sein, dann in Thränen:
Das ist der Minne altes Recht.«

»’S ist auch in dem noch was vom Regenwetter«, meinte Klingsohr. »Und doch bist Du unter Dach und überm Feuer brät die Gans. Wohlan thu sie her! Ist sie nicht bräunlich und schön?« Und er betrachtete sie wohlgefällig.

Plötzlich sah er auf. »Das ist nicht des Windes Geräusch«, murmelte er bedenklich. »Ihr seid jung und behend, Bruder Diether. Springt dort hinan, wo der Ausblick offen ist auf den Weg, den wir kamen, und schaut, was sich naht.«

Was sollt’ ich mich bedenken? Ich klomm mit Eil’ die Höhe hinan, die er mir angezeigt hatte. Als ich oben war, sah ich hinter der nächsten Windung des Weges einen reisigen Haufen herankommen. Spieße und Hellebarden konnt’ ich wohl erkennen. Das rief ich den Beiden zu und schickte mich an hinabzusteigen. Schon aber hört’ ich sie unten sich tummeln, und bevor ich noch die Hälfte des Weges zurück war, kamen sie eilig hervor und liefen grad über den Weg dem Tannenwald zu, wo er besonders dicht stund, als suchten sie

dort eine Bergung. Fast lustig war es anzusehen, wie sie all’ ihr Geräth zusammengerafft hatten, Jeder, was ihm die Hände gefaßt, wie sie auch die zwo Gänse nicht vergessen, die der Kleine hinter sich her zog. Aber wie ward mir zu Sinne, als ich den Fiedler sah mit meiner Kutte von dannen rennen! Das schuf mir große Noth. »He, Freunde!« rief ich ihnen nach, »was soll das? Was fliehet Ihr? Harret doch, daß ich mein Kleid anthue!« Und mit höchster Eil’ stieg ich hinab. Aber sie hörten nicht, noch hemmten sie ihre Flucht, und ich erkannte, daß es mir ganz unmöglich wäre, sie einzuholen. Denn mein Weg war behindert durch’s Gestein, der ihrige nicht. Da gerieth ich außer mir; denn ich sah, daß sie unredlich handelten mit mir, und schrie aus allem Vermögen: »So wollet Ihr treulos entlaufen, unehrliche Gesellen! Raubt mir mein Kleid, Schelme und Unbiedermänner, die Ihr seid?«

Sie aber hielten nicht an, als bis sie den Waldsaum erreicht hatten. Da blieben sie stehen, und, indem der Große meinen Rock anlegte, rief der Kleine mir zu:

»O Freund, gedenk’ der Sanftmuth Gebot!
Fürwahr uns zwingt wahrhafte Noth.
Wir sind um’s Mahl mit einand’ betrogen,
Von unserm Unstern fortgezogen.
Laßt Euch die Kutte nicht gereu’n!
Sie wird den Fiedler baß erfreu’n.«