Nach einer Weile verdroß mich doch diese meine Verdrießlichkeit selbst.
»Diether«, so schalt ich mich, »bist Du nicht bei Deinen Jahren und bei aller Kunst und Gabe, die
Du hast, ein recht blödes, hilfeloses Kind? Nun Dir der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen kann, so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und Wissen? Verzehrest Dich und grämest Dir die Stunden hinweg mit Zürnen und Murren, weil Du von Gäuchen Dich hast überlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen Dir auch nicht hast helfen können! Frisch an’s Werk und brauch’ Deinen Kopf, wie Du mit Gott Dir am klüglichsten heraushelfest aus dieser Noth, darein Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!«
Damit schickte ich mich an, darüber zu sinnen, wie ich morgen dem Grafen am besten begegnen möchte, wenn ich zur Verhörung vor ihm stünde. Denn daß ich solches zu gewarten hätte, war mir gewiß. Recht als ob es gälte, eine chria für Magister Berthold zu Stand zu bringen mit Protasis, Aetiologia, Amplificatio und Conclusio, legt’ ich mir eine wohlgefügte Rede zurecht, mit beweglichen Worten trefflich geziert und mit manchem guten Sprüchlein durchflochten. Und als ich Alles und Jedes gehörig überdacht hatte, war ich damit so gar zufrieden, daß ich mich wunderte über meine Thorheit, daß ich je hätte denken können: es würde mir nicht ein Leichtes sein, mich als den Klösterling auszuweisen, der ich war, und den Fahrenden von mir zu thun, deß Kleid ich trug.
Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der ich anzuheben gedachte: »Weislich sonder Zweifel, gnädiger Herr!« so wollt’ ich vor ihn treten, »weislich haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch gethan, daß keine Sache so übel gerathe, sie habe denn auch etwas Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Das ist auch in dieser unfrohen
Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches Beistandes und welcherlei Rechtfertigung sollt’ ich Gekränkter mich nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit versehen und wie sollt’ ich unter ihre Fittiche aus aller Fährniß und Verlästerung nicht gerne geflüchtet sein?«
Dieser Vorspruch däuchte mich trefflich gestellt und ich wiederholte ihn öftermalen, auf daß ich ja keines Wortes verfehlen möchte.
Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz sänftiglich zu Muth und schon gedacht’ ich mich zum Schlaf auf’s Pfühl zu strecken, als es mir schwer auf die Seele fiel, daß ich der Gebetszeiten dieses Tages keine gehalten und nicht einmal aus den Brevierblättern, die sie im Kloster mir mitgegeben, den Heiligen erfragt hatte, dem der Tag zugehörte. »So konnt’ ich auch seiner Fürbitte nicht gewarten«, dacht’ ich und griff hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herfürzulangen. Aber das war ja mit dem Rock dahin und sammt des Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute geworden! Doch sieh’! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war nicht leer. Ich zog etliche arg vergilbte Blätter daraus hervor von gutem alten Pergamen. Sie waren zierlich beschrieben, wie man in der Klostermuße der Schreibkunst pflegt; aber da war nichts darin, womit ein Christenmensch seiner Seele zum Heil um die Matutin oder Vesper dem waltenden Gott und Seinen Heiligen diesen mag, sondern Geschichten stunden darin, deren gleichen ich zuvor nie gehört hatte noch gedacht, daß sie jemals geschrieben wären. War’s Anfangs nichts als Neugierde, die mich zu lesen trieb, so zwang mich bald die Gewalt der Dinge, die da berichtet waren,
und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr trafen, daß ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen. Es war da zuerst eine Aventiure, »wie Kriemhilde troumte!« auf die eine andere folgte: »von Sifride wie der erzogen wart« und endlich stund noch zu lesen: »wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach«. Aber wie die letzte Aventiure sich begab, davon erfuhr ich nichts, wenngleich ich über dem Lesen leichtlich die ganze Nacht versessen hätte, denn das Feuer im Kamin verlosch allgemach und der Vorrath, es zu nähren, war zu Ende.
Lange sah ich wie träumend in die verglimmende Gluth. Mir war’s, als erblickt’ ich den schnellen Sigfried und die anderen Recken und sähe sie auf- und niederschweben in dem emporsteigenden röthlichen Rauch. Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und wußte doch, daß kein Anderer neben mir etwas davon erblicken würde – nur von Kriemhilden konnt’ ich nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob ich sie wohl erkennen würde, wenn sie neben den Andern erschiene.