Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch die Gesichte und ich besann mich wieder auf mich selbst.

»Hilf Himmel!« rief ich da, »thörichter Diether, Dich plagen wohl gar Klingsohrs magische Künste noch! Was gehen Dich die Ritter und Aventiuren an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener Vogel in fremden Federn. Wie Du Dich wieder hinaufschwingst aus Deinem Netz und in das Nest zurückfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das laß Deine Sorge sein!«

Und so gieng ich zur Ruhe.

Also gethan ist des Menschen unbeständig Gemüth, daß auch des liebsten Gutes Genieß uns endlich verleidet würde, wenn wir nicht unterweilen sein entbehren müßten, und wenn er immer währte, würde selber der wonnigliche Mai uns verdrießen; so lacht uns auch die liebe Sonne freudenheller nicht an vom blauen Himmelsdach, als wenn sie sich mit ihm eine Weile hinter dichtem Regengewölk gleich wie hinter einer grauen Wand verborgen hat. Das fühlt’ ich anderen Tages nicht bloß an mir selber, sondern ich merkt’s auch den Andern auf Elzeburg an, so viel ich ihrer sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich früh morgens Thal und Höhe im lichten Sonnenschein durch’s Fenster glänzen sah! Weißer, zarter Nebel dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl zerstreute ihn bald und kein Wölkchen stund am Himmel. So tief blau und spiegelklar wölbte der sich über die Erde hin, als hätte er sie voll Liebe näher zu sich emporgezogen, damit sie seiner Klarheit besser genießen möchte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen Brust und all’ die unzähligen Tröpflein an Halmen und Zweigen, die in der Sonne erfunkelten, erschienen mir wie Freudenthränen der irdischen Creatur, die da fühlte, die selige Zeit des vollen Frühlingssegens sei nun gekommen.

Daß solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards Seele giengen an jenem Morgen, das, däuchte mich, war ihm anzusehen, als ich in der Frühstunde unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn geführt ward. Er saß am Fenster beim Frühstück im hohen Gestühl, gemächlich zurückgelehnt. Über die Berge und durch das kaum belaubte Gezweig des Nußbaums,

der im Burggarten nahe dem Gemäuer stund, schickte die Sonne ihren warmen Strahl in’s Gemach und schaute dem Burgherrn voll in’s Angesicht. Schon stund ich eine Weile in der Thür, der Anrede harrend, währenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen dem Licht des jungen Tages und der weichen Frühlingsluft zugekehrt blieb, die durch das Fenster hereinströmte. Endlich schien er sich zu erinnern, daß er Helmbold geboten hatte, mich vor ihn zu bringen.

»Ei sieh!« rief er, indem er, sich umwendend, mir winkte näher zu kommen, »Meister Tannhäuser! – Gelt, Diether! heut’ läßt’s sich drauß’ besser an für die fahrende Kunst als im unholden Wetter gestern«, und er wies mit der Hand in die fröhliche Welt hinaus. »Nun freilich, das Schweifen ist Dir für’s Erste verlegt. Und doch sei deß nicht gar zu betrübt. – Auch auf der Elzeburg läßt’s sich ganz wohlgemuth hausen«, setzte er behaglich hinzu; »gibt’s auch hier nicht alltag Gänsebraten, so darf Dir zwischen Zurüsten und Niedersitzen doch Niemand, auch kein Waibstädter nicht, das Mahl verderben.«

Jetzt, glaubt’ ich, wäre der rechte Augenblick gekommen, meinen Spruch anzuheben, und so sagt’ ich, recht mit der Betonung, wie in der Rhetorica ich’s gelehrt worden:

»Weislich, sonder Zweifel, gnädiger Herr! haben die wohlerfahrenen Alten gesagt, daß kein Ding so übel gerathe, es habe denn auch etwas Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Dies ist auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches Beistandes und welcher Rechtfertigung sollte ich Gekränkter – –«

»Laß genug sein, Diether!« unterbrach mich da der Graf. »Spar’ Deine Worte; sie sind Dir hier nicht von nöthen. Denn Du brauchst Dich keines Übels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und hier sah er mich ernster an) laß es Dich dünken, es sei Dir wohlgerathen, daß ich von Ungefähr gezogen kam und Dich den Waibstädtern entriß. Denn mein’ Treu! sie hätten Dir Dein Gefiedel zu Bärbel’s Hochzeit übel gelohnt. Thurm und Stock wäre Dein Singerlohn gewesen. Hier bist Du allerdinge gefangen und das mit Recht; aber, so Du Dich fügst, soll Dir Deine Kunst hier wohl zu Danke sein.«