Daß ich aber glaubte, durch Gottes Fügung wäre das Mägdlein gerade jetzo hereingetreten, um meinetwillen, das geschah darum, weil bei dem klaren Ton ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele trat, wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe! da ich an das Pergamen mit den drei Aventiuren oben gedachte, schien ich mir auch gefunden zu haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir wenden könnte. War’s nur die Sorge um Krummholtzens Rache oder war’s auch zugleich etwas vom Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschloß, ihnen den Willen zu thun und mich für das auszugeben, wofür sie mich haben wollten. In jener Stunde wenigstens däuchte es mich der einzige kluge Rath. Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn sie es möglich machten, sie ihnen beizubringen. Sie wollten sie jetzt nicht hören, und ihre Sache war es, die Täuschung zu verantworten, zu der sie mich zwangen. Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld, sich verstellt vor dem Philisterkönig aus zwingender Noth?
Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold schon sich bereit gemacht hatte, mich hinwegzuführen, zögernd einen Schritt vor, verneigte mich und sprach: »Mit Verlaub, gnädiger Herr, wenn Ihr denn befehlet,
so will ich nach Vermögen mit meinen Mären Euch zu Diensten sein; allein schicket mich nur nicht gen Waibstadt, denn vor den Städtern grauset’s mir.«
»Das war vernünftig geredt«, sagte begütigt der Graf. »Auch wär’s eine ausbündige Thorheit, schier befremdlich an einem aus dem gewitzten Volk der fahrenden Brüderschaft, wenn Du bei Deinem Starrsinn verharret wärest. Doch ich wußte wohl, daß Du Dich noch darauf besinnen würdest, was Dir das Klügste zu thun ist. – Und hier, Irmela«, sagte er und ergriff des Mägdleins Hand, »siehe, das ist Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt. Wohlan, heiß ihn willkommen und hab’ wohl Acht, daß Du fleißig von ihm lernest, was zu behalten Freude macht.«
»Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf Elzeburg!« redete mich da das Mägdlein an und ihr freundlich Grüßen that mir gar wohl. Es war mir, als gewänn’ ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt, das sie mir aufgezwungen hatten, und sagte getrost:
»Habt Dank, Jungfräulein, und seid gebeten fürlieb zu nehmen mit meiner Kunst; denn sie ist geringen Vermögens.«
Da lachte Herr Eberhard laut: »Ei Diether, so magst Du aus Höflichkeit reden; aber daß Du mit Mären zu wenig vermagst, darum haben die Waibstädter Dich nicht verklagt. Deß also sei sorgenohne und vermeld’ uns sogleich, welcher guten Aventiure Du zuerst Dich annehmen willst, daß meine Nichte sie von Dir höre.«
Ich besann mich nicht lange und antwortete: »Wie Kriemhilde troumte«, so es Eures Gefallens ist.«
»Ei wohl, Diether!« rief er erfreut. »Das ist eine gute alte Aventiure, und die hernach folgen, sind es auch. Ach, ich hörte sie einst in meinen jungen Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen Geschichten bei Rittern und Herren in hohen Ehren und selber des Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer wohl konnten. Jetzt schämt man sich ihrer zu Hof und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe und liebe mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit Deinem alten Ohm die langen Abende mit Lesen aus alten Büchern kürzest, dann sollst Du unterweilen auch die alten Mären mich hören lassen, wie ich einst sie vernahm, und ich weiß, sie werden mich erfreuen, wie dazumal. Sorg’ nur, daß Du Alles wohl aufschreibest, was und wie er Dir’s sagt! – Und Du, Diether, merk’ Dir’s wohl: je früher Du mit Deinen Aventiuren zu Ende kommst, um so bälder bist Du Deines Dienstes hier entledigt und magst ziehen, wohin Du willst.«
So war ich denn zu des Mägdleins Lehrmeister gar unversehens bestellt und wußte nicht, wie mir das gerathen würde. Denn worin ich hätte unterweisen können, darin durft’ ich’s nicht, und was ich lehren sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich tröstete mich mit meinem Pergamen und dachte, wie so manch’ ein Hochgelahrter auch nichts vermöchte der Welt zu Dank, wenn er nicht allezeit seine Weisthümer aus der Bücherei erborgen könnte.