Soll ich nun berichten, wie mir’s auf Elzeburg weiter ergieng, so wundre ich mich darüber, wie doch so oft Neid getragen wird von den Alten gegen die Jungen um der fröhlichen Hoffnungen willen für die

Zukunft, mit denen diese in trübnißvoller Gegenwart sich leichtlich zu trösten und selber über große Widerwärtigkeit hochgemuth sich hinwegzuschwingen vermöchten; wohingegen das Alter leider gewitzigt worden sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten, wie die gegenwärtigen ihm Genüge gebracht haben. Dem gegenüber will mich’s immer bedünken, daß dem Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu gleicher Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen auf bessere künftige, ja zu noch größerer. Denn unser Herrgott hat dem menschlichen Herzen eine wundersame Kraft geschaffen, daß ihm jegliche hohe Freude oder tiefe Trübniß, je weiter sie zurückweichen in die Vergangenheit, allgemach hinaufrücken in ein stilles, sanftes Licht, wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne auf die Erde zu schicken vermögen. Sondern ich achte: es strahlt aus der Tiefe des menschlichen Gemüths, dahinein Gott es versenkt hat aus der unsichtbaren Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir zurückdenken, mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen ab und leuchtet endlich über uns in keinem minderen Glanz und Schimmer, als das noch Unerlebte, was die Hoffnung oft mit trügerischem Glanz vor die Seele stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und alle Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren vermag, erst dann in ihrer Pracht, wenn sie selbst nicht mehr am Himmel steht, und schauen nach dem süßen Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist.

Also stehen auch die längst geschwundenen wenigen Tage, die ich auf Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke, in beständiger Gegenwart mir vor der Seele, als genöß’ ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die

mir um’s Haupt wehte und in Lebensfreude die junge Brust dehnte, wenn ich mit Helmbold in’s Thal herniederreiten durfte und in den Wald hinein auf bethauten Wegen; des süßen Duftes der Linde, unter der ich oftmals saß im Burggarten zur Mittagszeit, wenn die Bienen darin summten mit freudigem Gebraus, oder des Abends, wenn die Läuber leise rauschten im sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes seine Spur zurückgelassen in meiner Seele und ist ihr unverloren. –

Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn junger Nichte zu dienen hatte, nahmen noch in den ersten Tagen ihren Anfang. Da mußt’ ich hinunter in den Saal kommen und ihr gegenüber niedersitzen an einen großen Tisch, allwo sie meiner schon wartete. Sie hatte ein großes Buch vor sich mit vielen guten Sprüchen und Liedern unterschiedlicher Singer zum Theil beschrieben. Dahinein sollten nun auch durch Irmela meine Mären kommen, wie sie das Mägdlein von mir hören würde. Darum saß sie auch da zum Werk bereit, die Feder in ihrer zierlichen Hand.

Mir war doch, da ich mich vor dem Fräulein sah, nicht muthiger zu Sinn als vor Abt Albrecht im Capitelsaal und ich fühlte, ob ich gleich vermied sie anzuschauen, daß sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte. Als ich nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die Feder in ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten anfangen möchte, sagte sie, indem sie die Feder tränkte und das Buch zurechtlegte, bescheiden aber im Geringsten nicht scheu oder furchtsam:

»Hebet nun an, Meister Diether, wenn’s Euch geliebt, und sprechet recht langsam jegliche Zeile mir vor,

damit ich im Schreiben nicht aus Übereilung mißthue, und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in diesem Buch muß Alles ohne Tadel und löblich sein. Auch mag ich viel lieber beim Schreiben der Unmuße mehr haben, als daß mich darnach beim Lesen die ungleiche und übelgerathene Schrift verdrieße.«

Dies sagte mir das Mägdlein gar sehr nach Wunsch. Denn weil ich, solange sie mich für einen fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu wenig Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich’s für ungeziemend, nur aus meinem Pergamen fürzulesen als der Ungeübten Einer. Daher hatt’ ich, so viel ich behalten konnte, von der ersten Aventiure gelernet. Nun war mir das freilich ja ein Trost, daß mir Zeit gegönnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen und daß mein Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen sollte; denn wie ich mir helfen möchte, sobald mein geheimes Ölkrüglein droben, aus dem ich schöpfte, leer geworden sein würde: deß wußte ich keinen Rath.

So erwiedert’ ich denn: »Gerne, Jungfräulein, wie Ihr gebietet.«