die ich mir von Irmela erbat oder selber nach Malergewohnheit bereitete. Was waren das für selige Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem blühenden Apfelbaum! Fröhlicher hat wohl nie Keiner Unmuße gehabt, noch größere, herzlichere Lust zu seiner Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, daß ich der Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden sollte, gerne vergaß und, unbekümmert um den morgenden Tag, ganz nur dem heutigen lebte und dem reinen Glück, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst nicht bewußt, eine Änderung in meinem Gemüth vor sich, so konnte sie bös nicht sein; denn nie zuvor hatte ich höhere Freude an meiner Kunst gehabt und ernsteren Eifer auf sie gewendet, als da ich wußte: ihr Auge ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die ganze herrliche Gotteswelt um mich her sprach deutlicher zu mir, und es war, als ob das inwendige Vermögen meiner Seele eine neue Kraft gewonnen hätte. Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir der Frühling, und wie von einem Gefühl stiller aber starker Freude am Leben und allen Werken des HErrn ward mein Gemüth beschwingt. Daß solches Alles eine Folge von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des Mägdleins auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer Nähe hätte kein Mensch traurig bleiben können oder Arges hegen! Und an der Anhänglichkeit, mit welcher alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan war, konnte man die Macht der Unschuld und Güte ersehen, zumal wenn zu ihr holde Gestalt und fröhliche Jugend sich gesellt. Keiner hätt’ es vermocht, sie zu betrüben, und Helmbold, dem der Graf (er hatte bald nach meiner Ankunft wieder die Burg verlassen) ihren Dienst zugewiesen,

sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine höchste Ehre und Freude an. Von ihm erfuhr ich, daß Irmela schon in früher Kindheit, da sie Waise geworden, von ihrem Ohm aufgenommen und zwar fern von der großen Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe unterrichtet und erzogen wäre. Alsdann betheuerte der Alte, wie mit ihr ein neuer Tag des Glücks für Alle, sonderlich für den Grafen in der abgeschiedenen Burg aufgegangen wäre und wie trübselig es hergehen würde auf Elzeburg, wenn das Fräulein einmal da nicht mehr weilte. Und gewiß ein edler Freiersmann würde sich bald genug finden, wenn sie nur erst hinausgeführt sein würde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar wenig gesehen.

So war denn auch sie wie ich ohne Vater und Mutter aufgewachsen und in der engsten Umgebung, und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch darin die Gestalt ihres und meines Lebens überein. Wohl gern hätt’ ich ihr die Wahrheit über mich gesagt; und daß sie von mir, wenn auch unfreiwillig, getäuscht ward, that mir oftmals leid, und der Vorwurf darüber legte sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen Maienzeit über meine Seele. Aber ich konnt’s doch nimmer über’s Herz bringen, ihren immer sich gleich bleibenden heiteren Sinn durch eine Mittheilung zu betrüben, die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen mußte. Zudem wär’ es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu tragen. War es dennoch unrecht von mir, daß ich mir den Trug, in den man mich hineingestoßen hatte, gefallen ließ, ja hernach zu scheinen selber fortfuhr, was ich nicht war: so weiß ich’s nicht und will’s nicht widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine

tiefe Kluft von einander geschieden, aber in des Menschen Gemüth liegt oft Beides gar nahe bei einander.

Indessen wuchs ich täglich mehr in den Singerstand hinein, dem ich zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen gelang es mir zu größlichem Lobe meiner Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen Freude; ja es regte sich in mir auch die Lust, selbst ein Lied zu ersinnen nach der Art derer, die in Irmela’s Buche geschrieben stunden und eine Weise dazu zu suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das Mägdlein an der Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen, gegeben hatte, nicht ohne Noth irre würde. Aber da sie öftermalen in mich drang, aus dem, wie sie meinte, großen Vorrath meiner Kunst doch endlich ihr etliche Probestücklein herfürzulangen, so durft’ ich nicht gänzlich ungefüge sein, noch ihr Mißtrauen erwecken.

»Laßt mich doch nun einmal die Worte eines Liedes hören«, bat sie einst, als ich Griffel und Pinsel zusammenlegte, womit ich die Siegfrieds-Aventiure nach Kräften geziert hatte, »das Ihr auf Euren Fahrten sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten Euch zumeist Beifall eingetragen.«

Da erwiedert’ ich: »Jungfräulein, laßt mich darüber sinnen und morgen will ich Eurem Wunsch genügen, wie ich kann.«

Tags darauf bracht’ ich ihr, zierlich auf ein Blättlein geschrieben, ein Lied, das ich erdacht hatte.

So giengen die Worte:

»Ein Vöglein sang so wohl hienacht
Und lockt’ und rief;
Ich hatt’ des Sanges wenig Acht
Und schlief und schlief.