Doch mir im Traume bracht’ er nah
Ein süßes Bild;
Ach, all mein Sehnen wurde da
Gestillt, gestillt.
Doch es zerfloß im Morgenlicht;
In Fern und Näh’
Irr’ ich nun um und ruhe nicht
Und späh’ und späh’. –
Mach wieder, süßes Vögelein,
Den Träumer froh:
Wo wohnest Du, in welchem Hain,
Ach wo, ach wo?
Vom Suchen bin ich worden krank –
Sag’ an, sag’ an:
Wann hör’ ich wieder Deinem Sang,
Ach wann? ach wann?«
»Wohl«, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen hatte. »Die Worte gefallen mir, und wenn auch die Weise eben klingt, so will ich das Lied von Euch lernen. – Ich denke«, fuhr sie fort, »Ihr müsset nun bald vermögen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die Laute erklingen zu lassen. Wollt Ihr’s nicht jetzt versuchen?«
Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen, beugte sie sich wieder zu dem Werke, das sie unter den Händen hatte. Es war ein köstlich Gewand, wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn tragen. Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen hätte, dem Mägdlein vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte, ich aber in Noth war, was ich auf ihre Bitte erwiedern sollte, ohne ihre Unzufriedenheit zu erregen, so fiel mein Blick auf das kunstreiche Thun ihrer feinen Hände. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken, fragt’ ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, für wen und wozu es wohl bestimmt wäre. Da sah sie
mich fest an und sagte: »Ja, Meister Diether! solltet von uns Beiden nur Ihr ein Geheimniß haben?«
Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, faßte mich aber und fragte mit verwunderter Miene zurück: »Jungfräulein, welches?«
»Wie, Lehrmeister!« hub sie da wieder an, »Ihr wähnet doch nicht, daß ich meine, Ihr habt mir damals Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt? Gewiß, einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es nicht und wenn ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg daran gebunden sein! Nein, mit dem Singen, das Ihr mich nicht wollt hören lassen, hat es eine besondere Bewandniß.«
»Nun ja!« erwiedert’ ich noch immer nicht ohne Unruhe des Gemüthes, »weil es doch vergeblich ist, Euch etwas vorzuwenden: daß ich mit Singen Euch nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche Ursach’ davon hab’ ich Euch verschwiegen. Doch zürnet mir darum nicht, denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit geschehen oder Eigensinn.«
Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz fröhlich an und sagte begütigend: »Seid deß sorgenohne, Meister! Bin ich gleich Evens Tochter, so gelüstet’s nach Eurem Geheimniß mich nicht so sehr, wie Ihr zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein böser Argwohn. Aber nun sagt mir zur Stunde: wann werd’ ich Euch das Lied zur Laute singen hören, das Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein Gelübde, daß Ihr der Übung Eurer Kunst auf Elzeburg völlig widersagt habt? – Wenn’s nicht der Fall ist, Meister Diether«, setzte sie hinzu und schickte sich
wieder zu ihrer Arbeit, »so laßt mich auf Euer Singen nicht länger harren, als bis Ihr das Geheimniß hiervon – sie wies auf ihr Werk hin – erfahren habt. Noch bleibt’s Euch eines und«, schloß sie scherzend, »geduldet Euch, so gut Ihr könnt.«
Es war, denk’ ich, nur wenige Tage nach diesem Gespräch, als wir an der gewohnten Stelle uns wieder gegeneinander über saßen. Durchsichtig im Strahl der hellen Junisonne leuchtete das grüne Laub, das uns überhieng, und wo es den Himmel durchließ, schimmerte er in tiefem glänzendem Blau; um uns her blühten die ersten Rosen und mischten ihren Duft mit dem des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise Schatten einer Wolke über Thal und Gebirg, die selbst glänzend das Licht der Junisonne zugleich wiederstrahlte und milderte, wie die Cherubinen die Herrlichkeit der göttlichen Majestät abglänzen zugleich und verhüllen, deren Thron sie umgeben.