»Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von wegen des Liedes, den Ihr mir gabt«, sagte sie lachend. – »Doch nun, Meister«, fuhr sie fort, »laßt mich auch die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch niedergeschrieben und mit Eurer Kunst geziert habt.«

Sie trat zu mir herüber und beugte sich über die Blätter. Es war die Aventiure: Wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach. Da stunden die Worte:

Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut.
Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid,
Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn:
Minniglicher Weise sie grüßte Siegfrieden schön.

Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah,
Da erglühte seine Farbe; die Schöne sagte da:
»Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.«
Da ward ihm von dem Gruße wohl erhöhet der Muth.

Wie sie das las, hatte von ungefähr ihre Hand die meine über dem Buch berührt, ich spürte ihren Odem an meiner Wange und fühlte das Geflecht ihrer Haare an meinem Schlaf. Aber das währte nur einen kurzen Augenblick; es war, als hätte ich nur geträumt. Wieder stund sie vor mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein klarer Spiegel ihres schuldlos heiteren Gemüthes, nur daß es mir schien, als hätte sich der Lieblichkeit ihres Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt.

»Ich muß nun eilen, Meister«, sagte sie freundlich. »Der Abend kommt und schon zu lange wird man droben meiner harren.«

Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr nach, wie sie die Laubgänge des Gartens dahin wandelte und die Stufen zur Burghofspforte leichtschreitend hinanstieg. Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng zögernd und langsam wie Einer, der sich zu einem Entschluß gedrängt sieht, von dem Neigung und Wunsch ihn zurückhalten. Wie sehr diese mir zum Bleiben auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten, beides war mir heute wie von ungefähr vor die Seele gehalten. Es war ein schmerzlicher Widerstreit in ihr. Aber wagt auch eines Jünglings Muth und Wille in’s Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald ich nur ein Wenig mich besann, diese ganze Welt, in die mich unversehens ein Irrthum geworfen, auf ewig verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt’ ich hier eine Stätte und auf der weiten Erde nur eine Heimath, das Kloster, in dem ich erzogen und für das ich bestimmt war. War es nicht die höchste Zeit, mich dahin wieder aufzumachen und mir genügen zu lassen wie an des Mägdleins Bilde, das ich durch eine freundliche Fügung erlangt hatte, so am Bild all’ meines Erlebnisses – nämlich an seiner Erinnerung?

Solches bedacht’ ich oben in meinem Gemach, dahin ich mich begeben hatte, und heute noch nahm ich mir vor von dannen zu ziehen, sollte es auch fluchtweise geschehen müssen. Aber leider die Einsicht in das, was uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu folgen, bringt nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches

sein Widersprechen, sei es nun seiner Schwäche oder seines Trotzes ein Beweis, dünkt mich des menschlichen Elends häufigster Ursprung.

So sah ich nun mit gar trüben Blicken, unterm Fensterbogen sitzend, in das Thal und über die Berge hin, welche die heitere Sonne mit goldnem Dufte bekrönte. Eine Landschaft, die wir zum ersten Male erschauen, prägt sich tief in unser Gemüth, aber ich wähne: tiefer noch haftet der Anblick in der Seele, von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns zum letzten Mal. – Zum letzten Mal! welch’ tiefe Schwermuth von solchem Wort über unsere Seele fließt, das erfuhr ich in jener stillen Abendstunde. Aber siehe! da gerieth mir die Kunst, die ich auf Elzeburg von dem Mägdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir über die Lippen, und ungesucht, als vernähme sie mein Ohr, kamen mir auch die Töne zu dem Liede, das ich für Irmela aufgeschrieben hatte.