Schon senkten sich unten über das Wiesenthal tiefer die Schatten und der kühler von den Bergen her wehende Hauch mahnte mich an den vergehenden Tag, und daß, wenn der nächste anbräche, ich von hinnen sein müßte. Da man schon seit lange sich von mir keiner Flucht gewahrte, so ward ich auch nicht mehr gehalten wie ein Gefangener, und ich konnte gewiß sein, daß manche Stunde vergehen würde, bevor man sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das Bild des Mägdleins nahm ich zu mir und war entschlossen, nach dem Abendimbiß mir eine Gelegenheit zum unbemerkten Enteilen zu ersehen.
Da trat Helmbold in’s Gemach.
»Ich bin Euch«, sprach er nach freundlichem Gruß, »ein Bringer unerwarteter und, wie ich wähne, froher Zeitung, auch komm’ ich Euch als Bote nicht mit leeren Händen. Seht hier die Gabe, die Euch das Fräulein reichen läßt zugleich als Lohn, den Euch mein Herr, der Graf, bestimmt hat für den Dienst, mit dem Ihr ihm zu Willen gewesen seid.«
Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich Irmela hatte zurüsten sehen. Wie ich’s verwundert und verwirrt in Händen hielt, fuhr Helmbold fort: »Die Zeitung ist aber diese, daß Briefe gekommen sind vom Grafen, darin er anzeigt, daß er gen Speyer zieht, allda längere Zeit zu verweilen, und daß er dabei aus besonderer Ursach seine Nichte an den Hof des Bischofs zu führen gedenkt. Euch nun, Meister, will er Eurer Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei – und daß Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als die waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt, brauch’ er Euch nicht zu mahnen. Wäret Ihr aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er Euch als Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen zu Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen Kunst, mit Feder und Schrift umzugehen, Euch ehrlich halten. – Wenn Ihr dann, Meister, solch’ gnädig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir und etlichen Knechten zusammen zu ihm stoßen in Bretten, allwo er jetzo in kaiserlichen Geschäften weilt und Eures Dienstes sogleich brauchen kann. Aber eiligen Auftrag hab’ ich von ihm und so dürfen wir nicht säumen; noch heute müssen wir reiten. Habt Ihr doch nun nicht umsonst von mir gelernet im Sattel sitzen.«
»Guter Helmbold«, erwiedert’ ich, »es ist so; Eure
Botschaft ist mir hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch. Über Anderes, was ich meine und sinne, laßt mich zu Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.«
»Wohl denn«, versetzte er darauf, indem er noch im Gehen auf das mir geschenkte Gewand deutete, »so macht Euch fertig; sobald der Troß zugerüstet ist, müssen wir auf sein!«
Schon drang der Wiederhall der Geschäftigkeit, die bald in der Burg laut ward, in mein Ohr und mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte ich das Kleid an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war. Darnach trieb es mich noch einmal, die Stätten der Burg zu besuchen. Wo die Leute mich sahen, riefen sie mir gutes Wort zum Abschied zu; denn sie hatten schon erfahren, daß ich mitzöge. Ich kam an die Gartenpforte, öffnete sie und stieg die Stufen hinab. Die Sonne war nun lang hinunter und das Dämmerlicht der Juninacht umhüllte Laub und Blüthen. Süßer Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die Blätter, die ich streifte, netzten mir die Schläfe mit kühlem Thau. Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten Stelle. Dort saß ich nieder und sah hinaus in die nächtliche Stille. Tiefer Friede wehte mich von aller Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und Nähe zusammenflössen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre eigne Schönheit verbärge, damit nur die Macht, Weisheit und Güte des Ewigen verherrlicht würde, der sie alle zu seiner Ehre geschaffen. Da gedacht’ ich daran, daß es auch des Menschen bestes Theil und reinste Seligkeit wäre, für sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur ganz in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, daß für alle Herzensfreude, die mir je geworden, ich Ihm die Ehre
schuldig wäre, und daß ich Ihm gerne dienen wollte nach Seinem Willen in allem Gehorsam.
Über solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf dem Tisch die Laute des Mägdleins. Aus dem Dunkel um mich her trat ihr Bild glänzend vor meine Seele. Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die Weise von vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht hatte, als das Lied entstanden war, so flossen nun meine Herzensgedanken mit Wort und Weise zusammen, und wohl von Grund der Seele klang es hinaus in die Stille: