Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber wie erschrak ich, als ich plötzlich hinter dichtem Gerank von Waldreben und Geisblatt, das sich der Alte seitwärts seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht gezogen hatte, seine Stimme hörte, laut und fast heftig wie von Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit sich selbst zur Gewohnheit gemacht hat.

»Wohl gesprochen, St. Augustine! Pereant omnia et dimittantur haec vana et inania! conferamus nos

ad solam inquisitionem veritatis! Vita haec misera, mors incerta [A]

[A] Hinweg mit all’ diesen eitlen und leeren Dingen! Die Wahrheit allein laßt uns suchen. Dies Leben ist elend, die Todesstunde ungewiß.

»Hilf Gott!« sagt’ ich da zu mir selbst mit Bangen, »ich höre mein Urtheil; wie werd’ ich vor ihm besteh’n, wenn er so gemuthet ist!« Und zögernd schritt ich vorwärts, während er fortfuhr lateinisch zu reden, wie vorhin.

Als ich seiner ansichtig ward, saß er tiefgebückt über ein großes Buch, darin er eifrig las, als straft’ und vermahnt’ er daraus sich selbst. Ich stund beinah’ vor ihm und noch immer hatt’ er mein Kommen nicht wahrgenommen. Endlich wagt’ ich’s und sprach, aber zaghaft kam es heraus:

»Gelobt sei Jesus Christus!«

»In Ewigkeit, Amen«, fuhr er fort und hielt mit seinem Finger die Stelle im Buche fest, bei der ich ihn unterbrochen hatte. Dann erst sah er auf.

»Wie!« rief er da mit höchstem Erstaunen, und schob das Buch zur Seite. »Du, Diether? Du selbst? Bist Du’s wirklich? Dich seh’ ich wieder und in solchem Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur Sommerzeit; oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so sicher däuchtest, als ich Dich warnte?«

»Und wie zierlich der Knabe aussieht«, fuhr er fort, nachdem er mich wieder und wieder betrachtet, »ein Herzog könnt’ sich mit Dir sehen lassen, so er Dich in seinem Gefolg’ hätte, und mit Dir zu Hofe ziehn. Aber nicht zu mir, Diether, mußt Du als ein solcher kommen, wenn Du gelobt sein willst.«