»Er hat wohl Grund dazu«, erwiederte der Angeredete, »wenn das Angesicht der Dame hält, was ihre reizende Gestalt verspricht.«

»O, hebt den Schleier!« riefen sie, und hatten das Ansehen, als wollten sie Joconda näher treten.

Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter anschmiegte, so stieß der mit gewaltiger Faust den, der sich zumeist herangedrängt hatte, zu Boden, und ein deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem er durch die nun wieder geöffnete Bahn weiter schritt. Einen Augenblick waren die Zudringlichen zurückgewichen, aber die Überzahl und das Gelage, von dem sie kamen, machte sie kühn, und mit dem Ruf: »Wie! die deutsche Bestie will uns schlagen und wider ergangenes Gesetz beleidigen?« drängten sie sich auf’s neue heran und vertraten den Weg.

Da reckte sich Bruno in die Höhe und drohend rief er, daß es laut erscholl: »Ha, ihr welschen Hunde,

wem sein Leben lieb ist, der lasse uns hindurch!« Und es würde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn er allein gewesen wäre, aber, wie er die Zitternde an seinem Arme fühlte, so stund er unschlüssig, ob er jetzt das Äußerste thun sollte seinen Gegnern gegenüber, die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gelärme die Straße an beiden Seiten in Aufruhr gebracht. Lichter erschienen, Fenster und Thüren wurden aufgethan und eine Menge Neugieriger strömte herbei.

Da sah Bruno den Augenblick höchster Noth gekommen; während rings um ihn das Wuthgeschrei wider den Deutschen die Luft erfüllte, umfaßte er fest Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen. Aber das wäre sonder Zweifel Beider Verderben gewesen, wenn nicht da vom Thor aus Rettung gekommen wäre. Denn da dort Adelbert und seine Leute, die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno zu ihnen stoßen sollte, nun hörten, wie sich von da Geschrei erhub und vernahmen den Ruf wider den Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein. Sie sprengten unter das Gedränge, und unter ihren Hieben rechts und links stoben die Welschen auseinander. Die nun Bruno bedrängten, wie sie das neue Getümmel hinter sich hörten und die streitbaren Stimmen der Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen, Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen die beiden Flüchtigen, auf die nun Keiner mehr Acht hatte, Raum, und froh der ihnen ungedacht gewordenen Hülfe eilte Bruno dem Thore zu.

Wohl wankten Joconda’s Schritte an seiner Seite, aber er wies sie hin auf die Nähe ihres Zieles, und

die Hoffnung belebte ihre sinkende Kraft. Nun traten sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten Dunkel, das da herrschte, sah Bruno’s scharfes Auge, wie von draußen eine Gestalt ihnen entgegenschritt. Als sie zum Thore hinaus traten, gieng diese Gestalt hart an ihnen vorüber in das Dunkel des Thores, das die Beiden eben hinter sich ließen.

Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und der Abendhimmel, wenn auch vom Mondenlicht erhellt, war regentrüb; so konnte Bruno das Angesicht des an ihm Vorübergehenden nur einen Augenblick sehen. Er hatte nicht Acht darauf, denn sein Gemüth war auf Anderes gerichtet, und doch war es ihm, als hätte er in diese Augen schon geblickt. Verstummte da nicht plötzlich der Hall der im Thorbogen dröhnenden Schritte hinter ihm? Als er zurücksah im Weiterschreiten, stund, so schien es ihm, im Thor noch immer die Gestalt, als sähe sie ihm nach.

Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war eine vorlängst verfallene Kapelle. Allda sollte Adelbert mit den Rossen und Knechten halten.