Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren Alle, da der Streit sich in der Stadt erhoben, von da gewichen, so rief er laut das Wort, bei dem sie unter einander übereingekommen waren sich zu erkennen, wie man pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl die Antwort näher vom Thor her und Bruno gedachte da die Rosse zu finden. Er wandte sich also zurück und ließ indeß Joconda an der Kapelle. Da er unweit dem Thore war und auch schon den Tritt der Rosse hörte, die herzu gebracht wurden, sah er wieder dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des Thores

und noch an derselben Stelle und wieder war’s, als suchte sie nach ihm. Da zerriß eine Wolke und das Mondenlicht ergoß sich hell. Wie es mit voller Klarheit Bruno beleuchtete, der hier außen vor der Stadt die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang an sein Ohr aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei, den er nimmer vergessen hat; es war ein Schrei des heftigsten Zornes und auch der unsäglichsten Trauer. Und mit diesem Aufschrei löste sich die Gestalt aus der Finsterniß der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt, und stürzte ungestüm auf Bruno zu, der eilend sich den Rossen näherte, welche jetzt ihm zugeführt wurden. Er wandte sich und sah in des Anstürmenden Angesicht. Nicht länger als bis man eins zählt, sah er hinein. Aber er ward von einem Blick getroffen, der so gethan war, daß vor ihm ein Teufel aus der untersten Hölle hätte zur Umkehr oder der hehrste der heiligen Engel zu Fall und Verstockung gebracht werden können. »Bruno!« hörte er sich rufen. Aber er sagte nichts und packte mit mächtigem Griff den sich zwischen ihn und die Rosse Drängenden. Da hub sich ein Arm gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch im Nu hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden, die ihn führte, und stieß ihn tief in seines Gegners Brust. »Schwester!« rief der mit versagender Stimme und brach lautlos zusammen.

Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit welcher der tödtliche Streich geschehen war.

Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr Ruf, daß das Fräulein käme, brachte ihn zu sich.

Geschwind verhüllte Bruno des Erschlagenen Angesicht, und als Joconda neben ihm stund und zitternd

auf die klaffende Wunde deutete, da sagte er. »Es galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht, Joconda, oder seines. – Hinweg, hinweg!«

Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos, und er fühlte eine eisige Kälte in seinem Gebein.

»Hinweg, hinweg!« riefen da wieder die Knechte und vom Thor her hörte man Getümmel.

Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse trugen die Fliehenden auf verschlungenen Wegen durch die Nacht. Bald hatten sie die Stadt weit hinter sich. Aber Bruno war’s noch immer, als schlüge das Brausen der empörten Volksmenge laut und lauter an sein Ohr und würden die Sturmglocken gezogen und ihre ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und immer vernehmlicher: »Mord, Mord!«

Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen zu berichten, die nun folgten, welcherlei sie gewesen sind für die Beiden: Tage der Flucht, Gefahr und Noth.