Bologna’s Rath und Volk forderte Rache für den Friedensbruch und die Blutthat. Bruno’s Leben ward in ihre Hand gegeben, er ward all’ seiner Güter beraubt und schlagen durft’ ihn, wer ihn fände. Mit großem Verlangen trachtete er darum aus Welschland hinweg und auch weil er keine Ruhe fand unter dem Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf seinen Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen ersähe und deutschen Laut vernähme, wähnte er, würde sein Gemüth sich entledigter fühlen und frei. Unter großen Mühseligkeiten ward die Flucht gethan. Aber endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden Rast und Bergung auf der Burg Adelberts. Allda gedachte Bruno zu harren, ob etwa der Sache Rath

würde und seine Freunde für ihn Gnade erwirkten beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war, gelangte Zeitung an ihn, daß das Urtheil wider ihn bestätiget und all’ sein Lehn vom kaiserlichen Vogt eingenommen wäre. Da zeigte es sich, was die treue Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das Ungemach zu fühlen, was Bruno bereitet war; ja sie theilte seine Sorgen, als trüge sie den größeren Theil der Schuld daran, und über das eigene Elend ließ sie nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele durch solche Geduld mächtig ermuthigt und durch ihre Zuversicht, darin sie nicht wankte, daß bessere Tage nahe wären. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem Bruder hinkehrte, was wohl täglich geschah, und dabei gedachte, wie gewißlich sie hoffte, er würde ihr noch verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob von ihm noch keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno’s Seele jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes Wort ward wieder laut in seinem Herzen, das die Sturmglocken Bologna’s ihm nachgerufen hatten in der Nacht, da die Flucht geschah. – Dann wandte er sich und sein Blick ward finster und immer finsterer, je beweglicher sein Weib ihm Trost zusprach; denn sie wähnte, das sehnende Verlangen der Freundschaft nach Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm den Muth also. Bruno aber, wie oft er’s auch beschlossen hatte, und wie gewiß er erkannte, daß es einmal geschehen müßte, gewann das Herz nicht, ihr zu sagen von Guido’s Tod.

So kam der Herbst heran, und wie den Beiden der gute Bote noch immer verzog, so wollte Joconda nicht länger leiden, daß Bruno ferner in träger Ruhe

seine Tage versäße und allein fremder Hülfe harrete. Wenn er selber sein Vermögen brauchte, so würd’ es nicht vergeblich sein; oder warum sollte für ihn kein Mitleid vorhanden sein, der bis dahin so werth gehalten worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber nicht unbekannt geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde geworden war, daß die Majestät zu Costnitz Hof hielt, so lag Joconda ihrem Gemahl mit vielen Bitten an, dahin zu ziehen, als Bittender seine Sache zu betreiben, Sühne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier ihm eine Bußfahrt, die da ihm zu thun vorhanden war, und schwer ward es ihm, den stolzgewohnten Sinn dahin zu kehren. Denn er mußte ohne Geleit ziehen und verhohlen, daß es nicht schiene, als gedächte er sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das ihm gesprochen war. Sein Weib wollte nicht von ihm weichen in keiner Fährniß und Noth und zog mit ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf dem Wege waren, kam ihre Stunde. In großen Schmerzen gelangte sie, von Bruno geführt, in eine Höhle, die sie da erspähten, denn sie wanderten im Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als Bruno mit Weh und Wonne das feine Knäblein in seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal, gestaltet wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes, doch sagt’ er nichts.

Wie groß nun die Noth in jener Höhle war, läßt sich leicht ermessen, und Bruno, da er sah, daß er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu werden. Der Fürst der Höllenschlünde sandte ihm einen bösen Geist des Unmuths und der Ungeduld.

Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten Engel, das Banner der Hoffnung, des Heils und der Ehre ihm fürzutragen. Selber im Elend zu sein und im Ungemach auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher Sinn gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie das Kind, das sie gewonnen, in gleiches Weh verschlungen sah, verzagte sie, und gegen die mütterlichen Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft. Da hört Bruno sie oft, über ihr Kind gebeugt, weinen und desselben jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat er nicht hinzu, ihr Trost zu sagen mit liebem Wort, sondern er wandte sich hinweg mürrisch, daß sie vor ihm ihren Jammer ausließe, der wohl gleich sehr zu klagen hätte oder mehr. Und einst in solcher Stunde, da sie ihres Bruders gedachte, und wie er ihrer Noth sich gewißlich erbarmen würde, da murmelte er, die Hoffnung auf Guido wäre verloren.

Joconda sah ihn fragend an.

»Der Todte, dessen Anblick vor Bologna’s Thor Dich erschreckte« – hub er an, und finster waren seine Brauen zusammengezogen, da er redete.

»War mein Bruder?« schrie sie auf.

Bruno nickte und sah zur Erde.