Denn einmal, als Ulrich dort in der Geißelkammer die Geschichte vom reichen Mann malte, wie er in der Flamme Pein leidet, und Lazarum droben in Abraham’s Schooß, da war ich auch bei ihm, und weil’s just die Zeit am Tage war, in der nach der Cisterzienserregel die Brüder in ihren Zellen der Betrachtung obliegen, so waren wir im Geringsten nicht einer Störung gewärtig. Meister Ulrich hatte mich heißen einen leinenen Kittel überthun, wie er selbst trug, wenn er mit Farben umgieng; und da ich so in dieser Tracht vor ihm stund, hat er lachend zu mir gesagt: »Nun trägst Du den Rock wie Unsereiner und ich hab’ Dich für unsern Heerbann angeworben; aber dem
Kriegsmann frommt die Rüstung allein nicht, er muß auch bewehrt sein. So geb’ ich denn Dir auch unsrer Mannen Speer und Spieß und verhoffe, Deine Hand wird solchen allezeit mit Weisheit und Verstand Gott und Seinen Heiligen zum Ruhme, unserer Zunft zu Ehren, den Guten zur Herzfreude führen.«
Damit fuhr er mir dreimal mit einem gar langen Pinsel über Rücken und Haupt und händigte mir dann solches Gewaffen aus. Darauf sollt’ ich, wie er sagte, sogleich mit ihm die erste Ausfahrt thun, d. i., ich mußte zu ihm auf sein Gerüst hinauf, allda ihm am Bilde zu helfen. Aber weil er just dabei war, der Hölle Flammen herzustellen, darin die armen Seelen brennen, so hieß er mich rechts hintreten, wo höher oben die Seligen schweben.
»Es möcht’«, sagt’ er dabei, »eine böse Vorbedeutung geben, wenn Du mit der preislichen Kunst an so unseligem Ort anhübest. An die schimmernden Wölklein droben sollst Du Dich machen, aus denen die Engel herfürlugen.«
Mir klopfte schier das Herz vor Freuden, als dräng’ ich selber in den wahrhaftigen Himmel, wie ich die Leiter noch höher hinanstieg, um nach seiner Anweisung am gemalten mitzuhelfen. Ich war bald mit großem Eifer in mein Thun vertieft, als plötzlich die Thür in den Angeln knarrte und laute Schritte die steinernen Stufen herniederkamen. Ich erschrak; denn zwischen den Brettern hindurch, auf denen meine Leiter stund, sah ich Abt Albrecht’s hohe Gestalt und Magister Berthold hinter ihm.
»Gebt Acht«, hört’ ich diesen sagen, »hier ist er und sonst nirgends.«
»Wartet nur«, rief der Abt zorneifrig, »wartet
nur; ich will ihn wohl zu Euern Büchern treiben; will er denn keine Gelahrtheit lernen, so soll er doch lernen fleißig sein! He Diether, bist hier? Albertus Abbas hat mit Dir zu sprechen?«
Was half’s! Ich konnt’ ihm doch nicht entgehen. Zudem, wenn er so scharf sprach, war es gefährlich, ihm ungefügig zu sein. So rief ich denn: »Ja, Ew. Gnaden!« aus meinem Himmel, aber meine Stimme klang gar nicht wie eines Seligen.
»Um aller Heiligen willen!« sprach der Abt. »Was schafft der da droben. Sogleich komm hernieder und hurtig!«