Aber ich konnt’ nicht behender; denn mir wankten die Kniee, als ich auf den Sprossen der Leiter ihm näher kam. So trat ich denn vor ihn im leinenen Überkleid mit vielerlei bunten Farben geziert wie eines Stieglitzen, den Pinsel hinter mich haltend, und, wie ich meine, mit gar erbärmlicher Miene.
»O der Possen«, begann er zu schelten, »in meinem Kloster; o des Müßigganges, der solche verschuldet! Otiositas mater nugarum, noverca virtutum! Mißrathener Diether, jetzt sollst Du unsre Strenge fühlen, denn unsre Güte hast Du mit solcher Verkehrtheit gelohnt! Du versäumest das Deine und bist eine Störung und Hinderung für Meister Ulrich obendrein. Fortan wirst Du besser in Zucht genommen werden und Meister Ulrich wird Dein ledig sein.«
Wie ich das vernahm, da entfiel mir mein Herz; ich konnte nichts erwiedern; mir war’s, als würd’ ich aus dem Paradies verwiesen. Da aber ist Ulrich, mein lieber Meister, mein Engel worden, nicht der mit dem hauenden Schwerte, den Eingang zu wehren, sondern
wie einer, der die Flügel um uns breitet, zu schirmen und zu erretten. Denn er trat herfür, wagt’ es und sprach:
»Wollet verzeihen, Ew. Gnaden, aber der Diether hier ist mir nie keine Hinderung oder Störung gewesen noch hat er hier Müßiggangs gepflogen oder Possenspiels. In dem Anzug, der Euch so befremdet, steht er wohl mit Fug hier; denn wer beim Malen ist, sollte dem solch Kleid nicht ziemen? Läßt es gleich bunt und scheckig, so bezeugt’s damit die Arbeit, so drin gethan wird. Und glaubt mir, Euch und dem Kloster macht die Kunst keine Schand’, die in Diether ist. – Seht hier!«
Damit zeigte er dem Abt etliche Zeichnungen von mir, die bei der Hand waren. Der nahm sie mit großem Erstaunen und seine Augen glänzten, wie er die Blätter prüfte.
»Das hat Diether gemacht; das hat Diether gemacht?« fragt’ er immer wieder.
»Ja!« sagte Ulrich, »all’ das hat Diether gemacht und, ich sag’ Euch, er wird noch ganz Anderes machen Euch zum Erstaunen, wenn Ihr ihn bei mir laßt, daß er mein Schüler sei, so lang ich hier bin.«
»So nehmt ihn, nehmt ihn immer, lieber Meister!« rief der Abt ganz freudig. »Sünde war’s, solche Gottesgabe zu unterdrücken. Diether, nun magst Du doch noch unseres Klosters Zierde werden; halt Dich recht und nimm Deines Meisters Lehren Dich an! Wie es forthin mit Deinen gelehrten Studien zu halten sein wird, das wollen wir mit Magister Berthold des Weiteren besprechen; aber nun mach’ Dich wieder an Deine Arbeit! – Ei, Meister, Ihr habt wacker geschafft die letzten Tage. Und wie das leuchtet und lebt!« fuhr er fort, während er wieder hinaufstieg.
Darauf giengen sie hinweg und wie sie an der Treppe waren, hört’ ich den Abt noch sagen: »Bruder Berthold, nun wachsen ihm doch noch die Flügel, aber andere, als wir dachten. Wir können’s nicht wehren, wollen’s auch nicht. Wenn Meister Ulrich Recht hätte! Eine Zierde des Klosters! Ich hofft’ es immer!«