ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, daß er, hochwichtige Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen Pforzheim gezogen wäre, allda mit etlichen hohen weltlichen Herren zu handeln, die sich unterwunden, unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, dem er zumeist vertraute, wäre auch mit ihm, und so möcht’ ich mich um deswillen nichts besorgen, sondern unter ihnen bleiben und von meiner Fahrt erzählen. Da sagt’ ich ihnen, vom weiten Wege wär’ ich übermüde, und ob sie nicht wüßten, daß zu dem Willkomm’, damit man den Waller begrüße, bevor Allem sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete. »Und wenn Ihr mir die gegönnt habt«, sagt’ ich, indem ich dem Refectorio zuschritt, »so seid gefüge und laßt mir heute die Ruhe, die ich Wegmüder wohl mir verdienet habe.« Da meinten Etliche, ich wäre wohl gar stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man sähe, daß ich in des Bischofs Pfalz die höfischen Sitten erlernet hätte.
Nun ward mir nicht um ein Kleines sänftiglicher zu Sinne, daß ich dergestalt heut und morgen des Erscheinens vor des Abtes hellem Auge überhoben war; und wie ich mich der Brüder, sonderlich der Neugierigen unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von meinen Aventiuren nichts zu verrathen, auch dazu ward mir Rath. Denn andern Tages früh, sogleich nach der Matutin, überkam ich den Befehl, den der Abt für mich zurückgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner Fahrt heimgekommen, schier ungesäumt mich an mein Malwerk in der Kirche machen und dasselbige also fördern daß die Verzögerung, so ihm durch mein Abwesen widerfahren, nach Möglichkeit wiederum eingeholt würde.
Behender, dünkt mich, bin ich nie auf’s Gerüst hinangestiegen, als dazumal, und lieber hab’ ich nimmer darauf mit Stift und Pinsel geschafft, noch eifriger. Und das nicht allein darum, weil ich, so lang’ ich droben weilte, vor aller Bedrängniß durch lästige Frager geborgen war; – denn Niemand durfte mich aus sonderlichem Untersagen des Abts da heimsuchen, er mußte denn zu Hilf’ und Handreichung von mir begehrt sein – sondern ich erfand auch eben da, wie weise Brun bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch trefflicher wies sein Rath sich mir aus, als er wohl selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit, dazu jeder Tag mich rief, lenkte freilich all’ meine Gedanken auf sich und forderte mein Vermögen, es gänzlich daran zu kehren. So wurde mein Gemüth vom unruhigen Schweifen durch sie heilsam zurückgehalten. Aber da bewies Frau Kunst an mir Unmüßigem noch eine besondere Tugend. Denn sie versagt denen, die sie meinen und minnen, nichts von Allem, wonach sie Herze tragen, und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen darnach und seiner Unlust. – Sie läßt die Seele der Dinge, daran sie hängt, genießen, als wären sie beständig gegenwärtig, und kein Herbst drohte den Blüthen und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen; damit mein’ ich gar nicht, daß die, so einer edlen Kunst rechte Jünger sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid und Mühe in der Übung solcher Gabe nicht kennen: der Wiederhall von der Menschheit Weh und Wonne, ja von Himmel und Hölle ertönet wohl lauter in ihrem Herzen als in anderen; aber das sag’ ich, daß die Bilder der Dinge in ihrem Gemüth sich spiegeln können in all’ ihrem unterschiedlichen Licht und Glanz, und
dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern in der Stille bleiben kann und edlen Freiheit.
Also, ist mein Wähnen, geschah auch mir in jenen Wochen nach meiner Wiederkunft, da ich das Bild malte im Chor vom englischen Gruß. Ohne Absicht gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den draußen erlebten Maientagen in der Seele trug, und je eifriger ich allen Fleiß zu meiner Arbeit kehrte, desto näher brachte sie mir das Erlebte, und Vergangenheit und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins zusammen und störten sich nicht. Da geschah’s auch, daß, wie ich die sel’ge Gottesmutter auf das Bild gebracht hatte, die hehre Fraue Irmela’s Züge an sich trug, und ich hielt’s nicht für sündlich, sondern setzte mit Freuden die Glorie um’s Haupt aus lauterem Golde; denn ich gedachte, daß wir ja auch das Heiligste nicht anders bilden können, als indem wir Gottes Creatur dafür zum Gleichniß erkiesen. Ich malte aber auch unter das Laub, so die heilige Maria überhängt, ein Gezweig blühenden Flieders und zu der Lilie im Gefäß that ich ein Reis mit röthlich schimmernden Apfelblüthen. Solches und Anderes fügt’ ich hinzu, nach dem Bildniß, das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte.
Als es nun Alles vollendet war, mit größerem Fleiß und eifrigerem Trachten das Beste meines Vermögens zu thun, als ich je zuvor an ein Bild gekehrt, däuchte mich’s wohl gerathen und ich dachte: »Was gilt’s! Schwerlich hätte Abt Albrecht dem welschen Bilde, nach dem er mich ausgesandt, eine bessere Zierde für unsere Kirche verdankt, als er nun gewonnen hat!«
Mit solchen Gedanken saß ich nieder in’s Gestühl an jenem Vormittag mit dem Behagen Eines, der sein
Werk vollbracht hat und nun ganz der Ruhe genießt. Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten Mal nach meiner Heimkunft, dünkt mich, stieg in mir die Frage auf, ob ich wohl für immer von dieser bunten Welt draußen und von Elzeburg und ihrem Ingesinde sollte geschieden bleiben. Irmela’s Zuversicht kam mir in Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden die Hand bot, daß sie mich um die Sonnenwende zu Speyer wieder zu sehen gedächte, als ihrem Ohm gesindet. Ich mußte auch gedenken, wie sie sagte, sie verhoffe noch manche Lieder von mir zu hören und fröhliche. »Wie wird sie sich verwundern«, dacht’ ich, »wenn sie vernimmt, ich sei entschwunden«, und ich fragte: »ob sie dann auch meiner Bitte sich erinnern wird, die ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?« Und ich wünscht’ es mir also. – »St. Johannistag ist nahe«, dacht’ ich wieder, »nun wird das Mägdlein auf sein gen Speyer; leichtlich ist sie schon allda. In der Kurzweil’ und im fürstlichen Glanz des Hofes wird sie die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen haben – und, eitler Diether, noch bälder Dich!«
Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, denn er, so schien’s mir, lockte meine Gedanken auf diese Bahn, und ich beschloß, solchem Sinnen nicht ferner nachzuhangen. Brun’s gedachte ich und seiner Mahnung, da er mich von sich ließ; ich gedachte auch der traurigen Geschichte, die er mir erzählt hatte. Wie war er doch selbst von ihr so bewegt worden und wie eindringlich warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich ihn so gar verändert und erschreckend gesehen, hatte er Alles dessen, was er da gethan und gesprochen, nicht
mehr gedacht, als wär’ es von ihm vergessen wie ein Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten hatte er meine Lust gelobt in’s Kloster zurück und sie gemehrt. Auch hatt’ er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen nicht aufgespart bleiben, bis ich auf’s Neue eine Verwandlung leiden und die Flucht geben müßte, denn dann würd’ er und gewißlich ich auch sie nimmer wünschen; sondern um meinetwillen wollt’ er unterweilen aus seiner Waldestiefe herfürtauchen und mich heimsuchen im Kloster. Einem alten Waldbruder würde der Convent den Eingang nicht versperren. Um den Johannistag wollt’ er mich sehen. Dessen gedacht’ ich jetzt und wie übelgethan es von mir wäre und Zeichen eines unverständigen Sinnes, wenn ich des treuen Berathers vergäße, den ich mir gewonnen hatte, und außer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas mehr begehrte, als was sie mir droben für mein Bild eingebracht hatte. – »So will ich denn«, sagt’ ich bei mir, »in dieser Sommerzeit nur des Alten harren und sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt das Sonnenlicht mir gezeigt.«