Widerstreit.
Gewißlich ist’s nichts Sonderliches, daß ein müßiger Mann den Sonnenstrahl betrachtet, der durch’s Fenster strömt und die Stäublein darin, wie sie hin und wieder schweben. Und ich durfte müßig sein in jener Nachmittagsstunde, da ich im Chor unserer Kirche ins Gestühl niedersaß dem Bilde gegenüber, das ich eben vollendet hatte. Es war die Nachmittagsstunde eines heißen wolkenlosen Sommertages, unlange vor dem Feste St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die Luft fast schwül, draußen regte sich kein Laub, und nur das Flattern geängsteter Schmetterlinge unterbrach die Stille, die durch die Wärme aus ihren Puppen heute hervorgelockt sein mochten und nun, die Freiheit suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil sie die bunten Gläser für leuchtende Blüthen hielten. Sonderliches also war es nicht, daß ich malmüder Mann der sommerlichen Ruhe rings umher behaglich mitgenoß, die Hände ineinander gelegt hielt und den spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drüben vom Fenster her hart neben mir auf das Schnitzwerk am
Gestühle gieng. Doch ich betrachtete ihn und betrachtete ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran haften, aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen wie eine Brücke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher er kam: hinaus in die Weite. Allda besuchten sie manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob derselbe Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen hier in der Kirche vor sich sahen.
»Zeuch in Frieden zurück in Dein Kloster!« hatte Brun gar freundlich zu mir gesagt zur Letze, da wir schieden, und hatte wie zum Segen seine Hand erhoben. – »Zeuch zurück, Diether, in Deinen Frieden, und auch die Erinnerung an all’ das, was Du auf Deiner Fahrt hier bei mir und anderswo erlebt, störe ihn Dir nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu gewohnter Pflicht. Überhöre keinen; und in solchem Gottesdienst wird Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im Ernst und in der Mühe, sie wird Dir nicht verleidet werden durch ungeduldiges Hinausschweifen in die Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit hinter Dir liegt, Dein Wünschen und Wähnen zu eig’ner Qual gefangen nehmen!« Dann hatt’ er mir auch gesagt, ich sollte die Aventiure, so mir begegnet war, und all’ meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir auch ursprünglich bestimmt gewesen: als etwas, das nicht mich angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern allein nur meine Kunst, mit ihr desto besser Gott zu dienen.
Nach solchem Rath hatt’ ich denn treulich gethan, und mich däuchte, er war mir trefflich gediehen.
Ich hatte mir fürgesetzt, von Allem, was sich mit mir zugetragen hatte, so es möglich wäre, gegen Niemand
im Convent zu reden: ich würde denn gedrungen dazu. Denn ich wußte wohl, daß dann des Fragens kein Ende sein würde, auch des Spottes nicht und des Verdachts. Nur wie ich vor Abt Albrecht bestehen sollte mit meiner Beichte, wenn er mich vor sich erfordern würde zur Rechenschaft von meiner Reise und von dem, was ich ausgerichtet – das schuf mir Noth. Mein Bleiben auf Elzeburg, und daß ich mir die Verwechselung so lang gefallen ließ, die Ursach’ auch, aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den zween Fahrenden: wie konnt’ ich denken, dies Alles dem Gestrengen so glimpflich fürzubilden, auch wenn ich dabei der besten Kunst brauchte, die ich vermöchte, daß er darob seine Gunst nicht von mir wendete, mich hart anließ’ und gar in die Geißelkammer schickte zur Pön und Büßung.
Damit aber war es mir viel besser gerathen, als ich mich deß versehen hatte. Denn da ich wieder gen Maulbronn kam und in den Klosterhof trat, und die Brüder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von allen Seiten hörte: »Salve, Diethere!« oder: »Quid novi?« oder: »Heah, Diether, wie hast Du ein ander Aussehen gewonnen auf der Fahrt!« und da beinahe ein Getümmel entstund von der Menge der Herzulaufenden und dem »Diether«-Rufen – so merkt’ ich allsogleich, daß es heut an Abt Albrecht’s Regiment fehlen müßte, denn es war die Stunde des Tages, da sonst keiner der Brüder, zwingende Ursach’ ausgenommen, sich in Hof und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich denn des Abtes drohende Gestalt nirgend aus einer Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah, fragt’