Aber plötzlich sprang er auf mich zu, und, eh’ ich’s hindern konnte, hatte er von meiner Schulter das Linnen gestreift, das ich trug. Als er, die Waffe in der Hand, sich dicht über mich beugte, wähnt’ ich nicht anders, denn daß der Rasende mich morden wollte. Und ich schrie laut.

Im selben Augenblick aber war er zur Seite meines Lagers in die Knie’ gesunken und seine Arme hielten mich umschlungen. »O Gott, o Gott!« rief er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes. Und seine Hand strich mir kosend über Stirn und Wangen und seine Thränen tropften auf mich nieder. »Schlaf, Diether, schlaf!« sprach er wieder, »kein Schrecken des Ortes müsse Dir nahen, und Engel des Friedens müssen Dich beschirmen.«

Darnach ergriff er meiner Hände eine und hielt sie an sein Herz, als würde von der Berührung der Sturm sich legen in seiner Seele. Als er so gethan, beharrte er eine Weile, wie mich däuchte, im Gebet, bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng der Thür zu. Bevor er hinausschritt, kehrte er sich noch einmal zu mir und sagte wieder: »So schlaf denn, Diether! und zürne dem Alten nicht um sein wirres Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst, es ist vorüber.«

Aber wie hätt’ ich nach dem Allen vermocht, jetzt nach seinem Wunsch zu thun. Mich trieb’s dem Alten nach zu seh’n. Ich erblickt’ ihn durch’s Fenster, wie er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das Wasser breiter und stiller dahinfloß als anderwärts. Dort stund er eine kurze Weile unbeweglich und warf die Waffe, die er mit sich genommen, hinab in die Tiefe. Vorgebückt sah er ihr nach, wo sie versunken war. Dann gieng er festen Schrittes die Höhe hinan. Ich konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm.

Aber da ich leise das Fenster geöffnet hatte und, wie ich mich hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer des Tages über die Berge aufdämmern sah, tönt’ es wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald unterschied ich heilige Klänge und Orgelton.

Da trat ich hinaus.

Laut und lauter ertönte der Gesang und deutlicher erscholl der Orgelton; und jetzt schwangen sich die Töne auf, wie nächtliche Nebel aus der Tiefe zu lichten Morgenwolken werden, und ich hörte vernehmlich den Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt’ auch ich ein und sang die sel’gen Klänge mit. Da schienen mir die Waldvöglein, die davon erwachten, auch mit uns Gott zu loben in ihrer Weise; und wie ich hinaufsah nach St. Wigbert’s Kirchlein, gieng der erste Sonnenstrahl über sein Dach, die nächtlichen Schatten entflohen und ich grüßte das süße Licht.

Sechstes Kapitel.