Ich ließ mir von einem der Singer, die da gesungen hatten, eine Laute reichen, griff in die Saiten und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub ich an und sang also:
Wo tief im Herzen Minne wohnt,
Als Siegerin darinne thront,
(Bedenkt es wohl, ihr zarten Kinde!)
Da ist auch Leid ihr Ingesinde.
Wahr ist’s, was man seit Alters spricht:
Die Liebe läßt vom Leide nicht;
Und doch ist Lieb’ des Leides Feind.
Vernehmet nun, wie das gemeint!
Die Rose kehrt ihr Angesicht
Allzeit empor zum Sonnenlicht,
Das macht sie also wonnig roth,
Die Finsterniß brächt’ leiden Tod.
Doch streckt sie unter feuchtes Moos
Die Wurzeln rief in dunklen Schooß.
Dich lacht sie an mit rothem Munde
Und haftet doch im finstren Grunde,
Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:
Das ist der Liebe Ebenbild!
Es bringt das Leid der Liebe Pein,
Doch ohne Leid kann Lieb’ nicht sein,
Es liebt die Lieb’ Leid zum Gedeihn.
Und wird vom Leid ihr Noth geschafft,
Doch zieht sie Nahrung draus und Kraft.
Drum, wer der Minne Flug will wagen,
Der darf dem Leid sich nicht entschlagen;
Denn will er’s auf das Leid nicht wagen,
Muß er der Lieb’ auch sich entschlagen.
Wer jemals diesen Weg gefahren,
Lobt meinen Spruch gewiß als wahren.
Ward er von Leid’ in Liebe wund,
Werd’ er von Lieb’ in Leid’ gesund!
Als ich ausgesungen hatte und an den Gebärden Graf Eberhard’s, mit denen er sich zu seiner Nichte hinüberneigte, wahrnahm, daß ich von ihm auch wohl erkannt war, gedacht’ ich ungesäumt in die Menge zurück zu fliehen und mich so davon zu machen. Ich hatte aber kaum die Laute Dem wiederum gegeben, aus dessen Hand ich sie empfangen, und suchte nun durch die Singer, die da stunden, hindurch zu kommen, nachdem ich mich ziemlicher Maßen vor den Herrschaften verneigt: da geschah es, daß allum ein Rufen sich erhub und männiglich mich bedeutete, daß ich doch stille hielte; denn zur Stunde würde es verkündigt werden von wegen des Preises, wer ihn davontragen sollte. Derweilen ertönten auch schon die Drommeten der Herolde auf’s Neue und im Volk entstund eine freudige Bewegung; Alle winkten mir, hinter mich zu blicken, und da ich denn mich umsah, war einer der Knechte mir zur Seite und lud mich ein, mit ihm zu gehen. Es nahm ihn Wunder, wie er sah, daß ich zauderte, ihm zu folgen, und so ergriff er mich am Arme, daß er mich zwänge, weil er nicht anders denken mochte, als daß ich mich aus großer Blödigkeit also erzeigte. Da lachten die Leutlein, wie sie vorhin über mich gelacht hatten, und Einer sagte, man sähe da eine seltne Tugend, daß ein Meister der Kunst begehre, aber ihres Lohnes nicht. Nun lachten sie noch mehr und hatten so ihre Kurzweil.
Da hub ich mein Haupt empor, und schritt, weil es so sein mußte, dem Diener nach stracks vor mich, zurück in den Ring. Aber wie ich da das theure Mägdlein ersah, freundlich mir winkend und mit dem Kranze mein harrend, das wirrte mich nicht wenig,
und ich fühlte die Röthe, die mein Angesicht übergoß: die Ehre, die mir bereit war aus ihren Händen vor allem Volk, höhete meinen Muth, aber sie drückte zugleich mich nieder, als der ich ungedacht sie überkam, ich wußte nicht wie. So schritt ich gesenkten Auges vor das edle Fräulein hin und bog da in höfischer Zucht das Knie.
Wie sie mir den Kranz auf’s Haupt setzte, streifte von ungefähr ihre Hand meine Stirn; da erzuckte mir von der leisen Berührung das Herz und ich blickte auf zu ihr. Indem ließen Spielleute, die da hinter dem Gesinde der Herren stunden, ihre Fiedeln und Lauten erklingen, und zum Saitenspiel schallten Flöten und Cymbeln, daß es ein helles und liebliches Getöne gab.
»Solche Ehre, Meister, dankt Ihr Eurer Kunst,« sagte Irmela, indem sie sich über mich beugte.
»Nein, Herrin, Eurer Güte, so ist sie mir werther,« erwiedert’ ich, und Niemand außer uns zween hörte, was da zwischen uns gesagt ward.