In Haft.

Droben in der Burg über dem düstren Eingangsthore war die Pförtnerswohnung. Ich erfuhr’s, noch ehe wir unter den gewölbten Bogen schritten. Denn wiewohl die Thorflügel offen stunden, hielten wir doch vor ihnen mit Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen führten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer hinauf. Auf seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder, so alt und greise, daß man’s schier nicht erdenken konnte, sie möchte je jung und glatt ausgesehen haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man schon wieder begehrte, das Thor wäre ja offen und Keiner gehindert, hindurch zu gehen; ob denn sie allein heute, da Alle ihre Ergötzung hätten, der Ruhe entbehren sollte und nicht ein Wenig stille sitzen.

»Wir kommen ja nicht allein, Mutter!« sagte der Knecht wieder, »begehren auch nicht Eures Dienstes für uns. Wir bringen Euch einen Gefangenen, den Ihr mit allem Fleiß hüten sollt, wie unser gnädiger Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard selber hat ihn hieher verordnet.«

»So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer ganzer Hauf’, als ich da nicht unterscheiden kann, ob ein Fremder unter Euch ist. – Ich hör’ das Mäuslein rascheln im Thurm, aber meine Augen sind trüb.«

Nach diesen Worten verschwand sie und eines alten Mannes Gesicht ward an ihrer Stelle gesehen. Das war nicht minder welk und greis als das ihrige und verwittert, wie das Gemäuer, aus dem es hervorlugte.

»So bringt ihn herauf!« sagte der Alte mürrisch, nachdem er einen Blick nach mir gethan, und zog dann seinen Kopf wieder zurück.

Eine hölzerne Stiege außen an der Mauer führte in die Wohnung der Leute. Als wir durch das Thor geschritten waren und ich oben auf der Stiege ankam, stund die Alte schon in der geöffneten Thür.

»So jung, so jung und schmuck dazu!« sagte sie, indem sie mir hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich ganz nahe musterte; dann zu den Knechten gekehrt: »Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen, der sieht wie ein Luchs: das thut’s.« Zu diesen Worten verzog sie ihren zahnlosen Mund zum Lachen.