»Also muß ich’s doch mit diesen meinen alten Augen sehen, was mich so manchmal im Traum erschreckt hat, und was abzuwenden ich zu Gottes Gnade in allen meinen Gebeten für Dich gefleht? Diether, Diether – was hast Du gethan? Welch’ Herzeleid schaffst Du mir?! Ach, ich soll nicht Frieden finden – nimmer – nimmer!«

Seine Klagen jammerten meine Schergen, und einer von ihnen hub an und erzählte, wie es mit mir ergangen wäre; wie ich oben beim Feste vor allem Volk das Beste im Singen vermocht, wofür mir das Fräulein den ausgesetzten Preis zuerkannt hätte; darnach wär’ ich in Händel gerathen, zuerst mit dem Troß der Herren, sodann hätt’ ich des Bischofs Neffen zum Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungefähr an Tag gekommen wäre, daß ich dem Kloster entronnen; so hätte der Bischof geboten, mich gefangen hinwegzuführen, daß nachfolgends mir mein Recht geschähe.

Auf diese Worte meint’ ich, Brun würde mit harter Scheltung mich strafen, wie ich das reichlich von ihm verdiente; aber er that davon nichts, sondern das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als trüg’ auch er daran einen Theil der Schuld. »O, ich konnt’s denken, konnt’s denken!« murmelte er etliche Male und strich sich mit seiner Hand in tiefem Sinnen die Stirn.

Dann rafft’ er sich auf und fragte, ob es ihm verstattet wäre, noch einmal mich zu umfahen; und als sie ihn beschieden: Ja, das dürfte geschehen! so stieg er hinan uns nahe, und mich ließen sie los, daß ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich mit seinen Armen ganz liebreich, und ich konnte die meinen nicht um ihn schlingen (denn sie waren mir rücklings gebunden) und hätt’ es doch so gern gethan, ach! nur einen Augenblick: ich Verstoßener!

Er aber sprach: »Diether, ich gedachte, Du solltest vor diesen Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, daß sie Dir drohten. Nun erkenn’ ich: es sollte nicht sein, daß es nach meinem Dünken angienge. – Heute war ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du

wärest haußen und daß ich Deiner harren sollte. Aber mich trieb’s hinweg, und die Sage der Leute von dem Feste hier lenkte mich her. – Jetzt kommen Rath und Warnung zu spät. Gott gnade uns nach Seiner Langmüthigkeit und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst mich am frohen Tage wieder oder auf Erden nimmer mehr!«

Als er darauf mich küßte, fühlt’ ich eine Zähre aus seinem Auge auf meiner Wange; sie hieng da noch, als er schon hinab war und, ohne sich noch einmal umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf fürder schritt. Oft hab’ ich später Gott dem Hohen gedankt um diese Zähre, daß ich sie nicht hinwegwischen konnte mit meinen gebundenen Händen (vielleicht hätt’ ich’s sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn berühren durfte – den gebenedeiten Tropfen, das schmerzlich köstliche Vermächtniß. –

Achtes Capitel.