Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine Kraft verließ mich und die Scham, daß ich so zu Schanden ward, schlug mich nieder. Alle mußten es mir ansehen, daß es sich also hielte, was Jene von mir bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu mir wendete, mich zu fragen, ob ich etwas vorzubringen wüßte wider der Beiden Zeugniß, wagte ich nicht zu antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als ich den Gernsteiner höhnisch sagen hörte: »Ein verlaufener Mönch, Irmela!« zwang mich der Schmerz aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in ihrem Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden würde, oder ach! nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch als ich flehentlich zu ihr hinüber blickte, kehrte sie sich von mir hinweg, und mit bitterem Weh’ im Herzen ließ ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr erhoben hatte, und die Sinne wollten mir vergehen vor kläglicher Kümmerniß.
Derweilen hub der Bischof an, mit großer Strenge Befehl zu geben, daß ich, bis der Sache weiter gerathen wäre, unten in die Burg in Gewahrsam gebracht würde; denn der Herr derselben war des Speyerischen Bisthums Hintersasse. Das sollte ohne Säumen geschehen, damit das Fest nicht länger Verzögerung erlitte; Tags darauf wollt’ er das Nöthige vornehmen. Die Fahrenden hieß er zu fernerer Bekundung zur Stelle bleiben.
Als der Bischof Solches über mich verfügt hatte, begab er sich mit den Übrigen von der Ritterschaft, die um ihn waren, hinweg, und auch der Troß und die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders hatten sie genug über das, was sich mit mir zugetragen.
So ward ich denn als Gefangener des Bischofs von dannen geführt, ein kläglicher Mann. Die Leute, so uns auf unserem Wege begegneten, blieben stehen und beklagten meine Jugend; sie mußten denken, ich wär’ als Schächer ergriffen und würde zur Richtstatt geschleppt; denn gewißlich so war mein Aussehen. Mich reute zu leben, und die Welt vor mir war verwandelt. Die Läuber des Waldes erschreckten mich mit ihrem Rauschen, der Himmel über mir hieng wie ein härener Sack, und als wir in’s Thal hinabkamen, dessen lieblich Bild sich so licht meiner Seele eingeprägt hatte, lag es vor meinen Blicken wie überdeckt mit einem schwarzen Schleier.
Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches Fenster auf, und Männer und Frauen lugten nach mir aus; sie fragten wohl auch nach meiner Missethat, welche das wäre. Da sagten meine Schergen, um Übermuths willen und Frevels gegen den heiligen Stand wär’ ich gefangen auf des Bischofs Geheiß; »So gnad’ ihn Gott«, hört’ ich dann, »nun ist ihm das Pochen und die weltliche Lust vergangen.« Kinder, die auf der Straße spielten, wichen vor mir scheu hinweg und liefen zur Seite hin zu ihren Müttern, die auf ihren Armen die kleineren trugen. Sie huben sie wohl dann in die Höhe, daß sie mich besser ersehen möchten, und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht
auch bös zu werden, auf daß es ihnen nicht widerführe wie mir.
Dies Alles sah und hört’ ich, ob ich gleich meine Blicke tief zur Erde senkte und meine Ohren vor Allem, was um mich her vorgieng, in dieser martervollen Stunde zu verschließen trachtete. Denn des Menschen Herz, wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an sich, auch wider Willen für seinen Jammer Nahrung zu suchen, sich um so mehr zu kränken und zu betrüben.
Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der Anstieg zur Burg hinauf sich abzweigt. Festlich flatterte von des Thurmes Zinne zu Ehren der Fröhlichkeit des Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner. Mich sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um eine Tumba traurig wehen, und schaudernd lenkte ich meinen Blick hinweg und folgte mit Seufzen meinen Führern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst eine kleine Strecke zur Höhe gedrungen, als ich hinter mir vom Wege her mich laut mit Namen rufen hörte.
Ich wandte mich, und: »Brun! ach, Brun!« – mehr konnt’ ich vor inniglichem Leide nicht sprechen.
Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der sich über meinen Anblick schier entsetzte; seine Brust keuchte und seine Stimme war gedämpft, wie unter der Last tiefen Grams.