Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den Inhalt fest. Durch sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich am 5. October zu der „Ode auf den Wiedereinzug des Königs im Winter 1809“; am 17. October zu dem Artikel „Theater. Unmaßgebliche Bemerkung“; am 12. December zu dem Aufsatze „über das Marionettentheater.“ Anerkannt hat er durch Aufnahme in den zweiten Band der Erzählungen 1811 „das Bettelweib von Locarno“ vom 11. October, und „die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik, eine Legende“ hier mit dem Zusatze „Zum Taufangebinde für Cäcilie M....“ vom 15. November, die erste mit mz, die andere yz unterzeichnet. Er wandte also verschiedene Schriftstellerzeichen an, je nachdem er erkannt, errathen oder verborgen bleiben wollte. Die Wahl solcher Chiffern ist freilich durchaus willkürlich, und der Versuch ohne anderweitige Bürgschaft aus ihnen einen Schluß auf den Verfasser zu ziehen, wäre sehr mißlich. Doch sollte der Schriftsteller in diesen Dingen auch kein entschiedenes System gehabt haben, dennoch wird man irgend eine Art von Folgerichtigkeit annehmen dürfen; wahrscheinlich werden die einmal gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder derselben Verbindung wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben m, x, y, z wiederholt angewendet haben, und wenn ihnen Auffassung und Darstellung zustimmen, wird man mit annähernder Gewißheit aussprechen können, ob ein Stück von ihm sei oder nicht.
Zunächst nach diesen äußeren Zeichen stelle ich die Aufsätze zusammen: xy ist unterzeichnet der Artikel „Theater“ vom 4. October (I, 4, 4 dieser Nachlese). x: die „Einleitung, Gebet des Zoroaster“ vom 1. October (I, 2, 4); „Anekdote aus dem letzten Kriege“ vom 20. October (I, 3, 6); „von der Ueberlegung, eine Paradoxe“ vom 7. Decbr. (I, 2, 5). y: „Brief eines Mahlers an seinen Sohn“ vom 22. October (I, 4, 2); „Schreiben aus Berlin vom 28. October“ unter dem 30. Oct. (I, 4, 6); „Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler“ 6. November (I, 4, 3). z: „Betrachtungen über den Weltlauf“ 9. October (I, 2, 6). xyz: „Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken, eine Anekdote“ 19. October (I, 3, 7). Das Zeichen mz erscheint in Verbindung mit r. rmz ist gezeichnet „Nützliche Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost“ 12. Octbr. (I, 5, 2); rm „Aëronautik“ 29., 30. October (I, 5, 4). rz: „Der verlegene Magistrat, eine Anekdote“ 4. October (I, 3, 9). r: „Muthwille des Himmels, eine Anekdote“ 10. October (I, 3, 5). Ein anderes Mal gesellt sich zu x noch p. xp erscheint unter drei Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3).
Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich für Kleist noch eine Anzahl Stücke, die entweder völlig abweichende oder gar keine Zeichen haben, aus inneren Gründen in Anspruch. Zwei gereimte Epigramme, 12., 30. Octbr. (II, 3, 3) unter st. Zu dem Aufsatz „Empfindungen vor Friedrich’s Seelandschaft“ (I, 4, 1) cb unterzeichnet, hat er sich in der folgenden Erklärung vom 22. October selbst bekannt: „Der Aufsatz der Hrn. L. A. v. A. und C. B. über Hrn. Friedrich’s Seelandschaft (S. 12te Blatt) war ursprünglich dramatisch abgefaßt; der Raum dieser Blätter erforderte aber eine Abkürzung, zu welcher Freiheit ich von Hrn. A. v. A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl hat dieser Aufsatz dadurch, daß er nunmehr ein bestimmtes Urtheil ausspricht, seinen Charakter dergestalt verändert, daß ich zur Steuer der Wahrheit, falls sich dessen jemand noch erinnern sollte, erklären muß: nur der Buchstabe desselben gehört den genannten beiden Hrn.; der Geist aber und die Verantwortlichkeit dafür, so wie er jetzt abgefaßt ist, mir. H. v. K.“
In dieser Erklärung liegt ein Widerspruch. Hatte er Arnim’s und Brentano’s Dialog (denn das allein kann mit der „dramatischen“ Form gemeint sein) in diese Betrachtung umgesetzt, so gehörte ihm sicherlich auch der Buchstabe an; sein Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen cb wollte er, wie es scheint, Clemens Brentano’s Autorschaft wahren.
Kleist gehören ferner an: vaa bezeichnet die Erzählung „Warnung gegen weibliche Jägerei“ 5., 6. November (I, 3, 1); ava, eine Umstellung des vorigen, „die sieben kleinen Kinder“ 8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden Erzählungen „die Heilung“ vom 29. November und „das Grab der Väter“ 5. December (I, 3, 2. 3); und „Allerneuester Erziehungsplan“ unterzeichnet Levanus 29. October (I, 5, 1). Ohne jedes Zeichen sind folgende Stücke: „Der Griffel Gottes“, eine Anekdote 5. October (I, 3, 4); „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ 6. October in Bülow’s Nachtrag; „Charité-Vorfall“ 13. October (I, 3, 10); „Schreiben aus Berlin“ 15. October (I, 5, 3); „Anekdote“ 24. October (I, 3, 11); „Räthsel“ eine Anekdote, 1. Novbr. (I, 3, 12); „Tages-Ereigniß“ 7. Novbr. (I, 3, 8); „von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt“ 13. November (I, 4, 8); „Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich“ 3. November; und „Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf.“ 8. December (II, 1, 2); endlich zwei Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13. 14).
Diese Aufsätze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich, gehen von der höchsten Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote hinab. Mit manchem Beitrag ist es ihm durchaus Ernst, andere sind nichts als Raumfüller und Lückenbüßer. Um den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem Verfasser, und zwar von Kleist, war es nöthig, das Gleichartige in eine Klasse zu bringen; schon daraus mußte sich manches ergeben, was für die innere Zusammengehörigkeit spricht. Ich habe sie nach der prosaischen und dichterischen Form in zwei Abtheilungen geschieden, deren erste enthält: 1. Politische Satiren, 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen, 3. Erzählungen und Anekdoten, 4. Kunst und Theater, 5. Gemeinnütziges; worauf die wenigen versificirten Stücke unter dem zweiten Haupttitel folgen.
Zu dem Politisch Historischen gehören drei Beiträge: die „Einleitung, Gebet des Zoroaster“, „von der Ueberlegung, eine Paradoxe“ und „Betrachtungen über den Weltlauf“ (I, 2, 4-6). Daß der Führer des Blattes die Einleitung geschrieben habe, läßt sich ohne Weiteres annehmen; sie athmet ganz seinen Geist in dem Ingrimm über das Elend des Zeitalters, die Erbärmlichkeit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit und Gleißnerei, zu deren Bekämpfung er um Kraft betet. Denselben praktischen Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den Deutschen, und findet im Gegensatze zu den Franzosen den Quell ihres Elends in dem unverhältnißmäßigen Uebergewicht der gepriesenen Ueberlegung, die den lähmenden Zwiespalt zwischen Denken und Handeln hervorruft. Wie im Katechismus richtet ein Vater diese Rede an seinen Sohn. „Die Ueberlegung,“ sagt er „scheint nur die zum Handeln nöthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühle quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken.“ Aehnlich im Katechismus 9: „Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder handeln sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu können, und gäben nichts mehr auf die alte geheimnißvolle Kraft der Herzen.“ Dort wie hier spielt das Gleichniß vom Ringer durch. In der Paradoxe heißt es: „Der Athlet kann in dem Augenblick, da er seinen Gegner umfaßt hält, schlechterdings nach keiner andern Rücksicht — verfahren — aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag es zweckmäßig sein — zu überlegen, durch welchen Druck er seinen Gegner niederwarf.“ Und im Katechismus 7: „Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Füßen tritt.“ Derselbe Gedanke endlich, Kraft und That seien früher als Erkenntniß und Betrachtung, das politische Handeln älter als dessen Darstellung durch die Kunst, die Reflexion das Zeichen des Verfalls und der Ohnmacht, erhebt sich in den „Betrachtungen über den Weltlauf“ zur geschichtsphilosophischen Höhe. Stilistisch sprechen die langen Perioden, in dem letzten Stück der indirecte Satz mit seinem fünfmaligen — „daß“ — für Kleist.
Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgeführtere Erzählungen „Warnung gegen weibliche Jägerei“ vaa, „die Heilung“ und „das Grab der Väter“, beide M. F. gezeichnet. Das könnte etwa auf Fouqué zu deuten scheinen, doch hat dieser nur wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F. beigesteuert; auch hat der Stil durchaus nichts von seiner Manier. Diese drei Erzählungen gehören zusammen, sie sind von einem Verfasser; in allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe Lebendigkeit der Darstellung, verschlungene Perioden und indirect wiederholte Reden und Betrachtungen. Mit ungemeiner Kraft, höchst ergreifend ist in der „Heilung“ die Spitze der ganzen Begebenheit in eine einzige Periode zusammengedrängt: „Wie mußte nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden“, u. s. w. die in wenigen Strichen ein Grauen erregendes Bild vorführt. Auch „dergestalt daß“ fehlt hier nicht. In gleicher Weise wird in dem „Grab der Väter“ die Summe des Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen. „Da standen sie aber plötzlich“ u. s. w. Die erste Erzählung ist mehr humoristischer Natur. Alle drei stehen auf der Grenze der Erzählung und Anekdote und schließen sich insofern dem „Bettelweib von Locarno“ an, einer Anekdote spukhaften Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen Skizzen, die den Rahmen des Blattes füllen, eröffnet.
Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen Inhalts, zum Theil als solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch und unmittelbar dem Leben entlehnt, der Form nach Papierschnitzel, die nebenher vom Schreibtisch abgefallen waren. Manche mochten Züge sein, die zu künftiger Verwendung in irgend einem größeren Bilde vorläufig hingeworfen waren. „Der Griffel Gottes“ (I, 3, 4), ohne Unterzeichnung, trägt das Gepräge einer solchen Notiz zu einer später auszuführenden Erzählung. Ins Lächerliche wird das Grausige verkehrt in der Anekdote „Muthwille des Himmels“ r., in der man Kleist’s Feder wieder erkennen wird. Auch spricht der Schauplatz dafür, seine Vaterstadt Frankfurt an der Oder, wo er dies Geschichtchen gehört haben mochte. Es ist wie die folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten. Kleist war diesen Kreisen, seiner abweichenden Denk- und Lebensweise ungeachtet, nicht entfremdet; noch 1810 war von seinem Rücktritt in den Dienst in allem Ernst die Rede.[20] Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach altpreußischer Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der Beschränkung, der die Tagesblätter damals doppelt unterlagen, war es nicht zu verwundern, wenn kleine Soldatengeschichten, Witze und Disciplinarfälle einen willkommenen Stoff darboten. War doch der Soldat neben dem Schauspieler der einzige öffentliche Charakter! Eine eigenthümliche Art dieser Anekdoten bilden die Züge der Tapferkeit Einzelner, die man aus den Nachrichten des letzten Krieges zu sammeln begann. Zum Troste über die Vergangenheit, daß der alte Geist wieder erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne nahm Kleist diese kleinen Geschichten; den unter der Asche glimmenden Funken dachte er wohl mit solchen Erinnerungen, soweit er vermochte, zu unterhalten. Von den beiden Anekdoten aus dem letzten preußischen Kriege ist die erste, die Bülow bereits mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite x unterzeichnet. Mit dieser dramatischen Lebendigkeit konnte nur Kleist den preußischen Husaren vorführen, der in der Nähe des siegreichen Feindes seinen Danziger mit größter Seelenruhe trinkt, sich schnäuzt, die Pfeife anzündet, über die Feinde herfällt, daß sie die „Schwerenoth kriegen“ sollen, und auf drei französische Chasseurs „dergestalt“ einhaut, „daß“ sie aus dem Sattel stürzen. Die Umständlichkeit des dramatisch gehaltenen Gesprächs, das regelmäßig wiederkehrende „spricht er“ für „sagte er“ erinnert lebhaft an den Dialog zwischen Eva und dem Dorfrichter in der zweiten Bearbeitung des zerbrochenen Krugs. Wenn er sagt, auf der Reise nach Frankfurt habe er diese Geschichte in einem Dorfe bei Jena gehört, so konnte das damals geschehen sein, als er im Frühjahr 1807 nach Joux als Gefangener geführt wurde. Verwandt (und wieder nicht ohne „dergestalt daß“) aber cynisch und hoch humoristisch ist die Anekdote 6. Gleichgültiger sind die drei folgenden Geschichten, militairische Disciplinarfälle; 7 xyz, 8 ohne Zeichen, 9 rz. Komischen Inhalts sind die fünf letzten Anekdoten; 10, eine Tagesneuigkeit, zugleich eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 sämmtlich ohne Zeichen, doch durch „gleichwohl“ und „dergestalt daß“ hinreichend kenntlich gemacht.
Der vierten Abtheilung „Kunst und Theater“ gehören acht Nummern an. Die beiden Briefe „eines Mahlers an seinen Sohn“, und „eines jungen Dichters an einen jungen Mahler“, mit y bezeichnet, gehören zu einander. Der erste, der ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden Klosterbruders beginnt, um cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen die junge Malerschule, der Gemüth und Andacht, Beruf und Studium ersetzen soll. Im zweiten fordert der Dichter den Maler auf, von dem verhimmelnden Nachbilden alter Meister abzustehen, weil der Künstler sein eigenes Innerste zur Anschauung bringen solle, da das wesentlichste Stück der Kunst „die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen“ sei. Die Dichtung soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon im Phöbus hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte nach Hartmanns Gemälde „der Engel am Grabe des Herrn“ etwas Aehnliches angekündet; er wollte in dieser fortgesetzten Verbindung zweier so verschiedener Kunstleistungen eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die alte wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie erörtert werden könne.[21] Die folgenden Nummern dieses Abschnitts sind, mit Ausnahme der letzten Abhandlung „über das Marionettentheater“, gelegentliche Bemerkungen, die durch das Berliner Theater veranlaßt wurden. Die erste „Theater“ xy (I, 4, 4) ist eine feine Kritik Iffland’s, der sehr vorsichtig als Manierist bezeichnet wird. Die Hinweisung auf Kant’s Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle läßt den Kantianer Kleist sogleich errathen. In der „unmaßgeblichen Bemerkung“ (I, 4, 5) tritt er in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf die Theaterleitung offen hervor. Die Direction soll wahre Kritik üben; ist sie geneigt, der Menge zu schmeicheln, muß sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden. Nicht ohne Gereiztheit spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der Zurückweisung des Käthchen von Heilbronn schon am 12. August 1810 einen sarkastisch bittern Brief geschrieben hatte. Das „Schreiben aus Berlin 28. Oktober“ y („dergestalt, gleichwohl“) bei Gelegenheit der Oper Aschenbrödel; „die sieben kleinen Kinder“ ava, worin vom Theater größere Berücksichtigung des Volksthümlichen, besonders norddeutscher Dialecte gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen „Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt“, der an eine Anekdote geknüpft eine anerkennende Erwähnung des Vierundzwanzigsten Februar von Z. Werner enthält; das Alles sind mehr oder weniger Anklagen der Direction des Berliner Theaters, in denen sich das feindliche Verhältniß Kleist’s und Iffland’s abspiegelt.