Endlich gemeinnützigen Inhalts sind die vier Nummern der fünften Abtheilung: „Allerneuester Erziehungsplan“, „Entwurf einer Bombenpost“ rmz („dergestalt daß“), „Schreiben aus Berlin 15. Oktober“ ohne Zeichen („gleichwohl“), „Aëronautik“ rm („dergestalt daß“). Der erste Aufsatz trägt freilich nur die Maske der Gemeinnützigkeit, denn er ist eine Satire gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden Pestalozzi und Zeller namentlich genannt. Schon in seinem Epigramme hatte Kleist den Pädagogen das bittere Wort gesagt:
Setzet, ihr träft’s mit eurer Kunst und erzögt uns die Jugend
Nun zu Männern wie ihr: lieben Freunde, was wär’s?
Hier stellt er allen Plänen, die zum Heil der Menschheit gemacht werden, den originellen und humoristischen Gedanken entgegen, statt der Tugendschulen zur Abwechselung einmal Lasterschulen zu gründen und durch die Macht des Gegensatzes zu wirken. Daß Kleist der Verfasser sei, obgleich er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen als Kritiker dieser „abentheuerlichen Unternehmung“ spöttisch und vorsichtig auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch ausgeführte Stil, namentlich in den erzählenden Episoden, wo er einmal sogar auf sein zeitweiliges Zusammenleben mit seiner Schwester anspielt. Die Unterschrift Levanus ist eine ironische Hinweisung auf Jean Paul’s Levana, das Ganze kein geringer Beweis für seine satirische Ader. In den drei folgenden Aufsätzen werden Telegraphie und Post, die Frage, ob der Luftballon gelenkt werden könne, besprochen. Es sind Actenstücke zu Kleist’s Leben, der als Techniker und erfindungslustiger Planmacher seine früheren Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch zu verwenden sucht.
Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendblätter für die zweite Hauptabtheilung; Beiträge in Versen sind die Ausnahme. Unter den drei Stücken, als deren Verfasser ich Kleist erkenne, sind die beiden Legenden nach Hans Sachs „Gleich und Ungleich“ und „der Welt Lauf“, ohne Zeichen, Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die Grundzüge angehören, und deren freie Behandlung nicht minder meisterhaft ist.[22] Diese Verse erinnern an das Gedicht der Engel am Grabe des Herrn; nur sind sie, dem Stoffe gemäß, in den humoristischen Ton umgebogen. Der Dialog mit dem regelmäßig eingeschalteten „spricht er“, die dramatisch lebendigen Gestalten des tölpelhaften Knechts und der flinken Magd lassen Kleist’s Hand nicht verkennen. In den fünf Epigrammen xp und st wechseln, wie in seinen anerkannten, Frage und Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort gleich unbeholfen.
III.
Ueberblickt man diese Nachträge, so gehören sie, mit Ausnahme der dramatischen, allen Stilgattungen Kleist’s an; es sind Erzählungen in Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, Betrachtungen. Von einer neuen Seite als Kritiker, bedeutender als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage seiner Satire ist der Patriotismus. Für Auffassung komischer Contraste war er kaum minder befähigt als für die Behandlung des tragischen Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen schroff und gewaltsam wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe und Behaglichkeit, die er auf dem Gebiet der Erzählung so trefflich zu bewahren weiß, sie wird für die Charaktere vernichtend, wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann, ob der Hauptträger des Lustspiels noch komisch sei. Auch hier zeigt sich eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm steigt, sobald persönliche Beweggründe hinzukommen. Wenn ihn die sittlichen Anforderungen, denen gegenüber die Welt so klein und elend erschien, auf die Satire hinleiteten, so drängte ihn seine Leidenschaft darüber hinaus zum Pasquill. Seine Epigramme sind meist rein persönlicher Natur, zu Schutz und Angriff für seine Dichtungen gegen die Kritiker gerichtet; sie sind bitter und heftig. Nach der ungünstigen Aufnahme der Penthesilea und des zerbrochenen Kruges schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill sondergleichen war sein Brief an Iffland, ein „ungeheurer Witz“ von der Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten Kriege erzählt hat. Um wie viel tödtlicher mußten seine Pfeile sein, wenn der Zorn für das Vaterland sie entsandte, wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den Feind seines Volkes schleuderte.
Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal in der eigenen Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, so gilt das von ihm. Sehr verschiedene Elemente lagen in seiner Seele neben einander, er bestand gewissermaßen aus mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener hervor, oder sie führten unter einander einen dämonischen Krieg, dem er mit einer eisigen Selbstentäußerung zusehen konnte, als sei es ein Spiel fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit dieser ringenden Kräfte nichts anderes als er selbst. In doppeltem und dreifachem Gegensatze fühlte er sich gegen Welt und Menschen, die er abwechselnd mied, verachtete, haßte und bekämpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn zum Wirken in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in die abgeschiedenen Räume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt aus sich auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, beide gleich einladend; für den einen drängte sich ihm der Verstand als Führer auf, während Herz, Gefühl und Phantasie ihn auf den andern locken wollten. Er hatte eine entschiedene Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den Schematismus des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig würdige Beruf, und während seine scharfe überall ins einzelne dringende Beobachtung ihm die Welt als eine Masse zusammenhangsloser und doch unfreier Atome zeigte, setzte er ihr den Stolz des unabhängigen Denkers entgegen, der, auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine Stelle erobern will. Er ist überzeugt, es sei möglich, das Schicksal zu leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; das Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien handelt, ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit des Betragens. Wer keinen Lebensplan hat, schwankt zwischen unsichern Wünschen und ist eine Puppe am Drahte des Schicksals. Dieser Zustand scheint ihm verächtlich, bei weitem wünschenswerther wäre ihm der Tod. Er wählt die Wissenschaft als Führerin, und welche eher als die Philosophie, die dem bildungsgierigen Jünger Sicherheit des Erkennens und Handelns zugleich verheißt? Aber die Wissenschaft erscheint doch nicht als Philosophie allein, sie spaltet sich in viele Wissenschaften, und seines ersten Entschlusses ungeachtet verfällt er bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in gleicher Weise an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht vergraben wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen im Blatt. Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? Aber ebenso wenig vermag er stets auf der Oberfläche zu schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er in seinem Heißhunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll Widerwillen stößt er die ganze Mahlzeit von sich.
Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist sie auf diesem Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte Wissenschaft nicht verheißen, und was hat sie gehalten? Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie erweckt, es scheint ihm unmöglich irgend etwas zu wissen, irgend ein Eigenthum zu erwerben, das uns über das Grab folgt, alles Mühen und Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Büchern und allem was Wissenschaft heißt, möge man aufgeklärt oder unwissend sein, man hat dabei ebensoviel verloren als gewonnen. Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm geworden, die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner armseligen Blöße zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik haben sich selbst vernichtet: „Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche“, ruft er aus, „ist schön, und schief und verschroben alles, sobald es sich selbst begreift. O, der Verstand, der unglückliche Verstand! Studiere nicht zu viel, folge dem Gefühl!“ Hatte er doch schon früher bei seinen logischen Studien geseufzt: „nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht im Kopfe, nicht im Verstande wohnt das Glück, es kann nicht wie ein mathematischer Lehrsatz bewiesen werden.“[23]
Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann groß macht und über alle Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das besser ist als Wissen; denn „es liegt eine Schuld auf dem Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der Ehrgefühl hat, unaufhörlich mahnt.“ Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses gefährliche Ding, dessen Folgen für ein empfindliches Gemüth nicht zu berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen auf irgend einem Felde. Aber wie soll man handeln, wenn man nicht weiß, was recht ist? Wird sich für ihn eine Stelle finden, wo Pflicht und Neigung, That und Einsicht zusammengehen? Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, „deren Verstand durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen habe, der sie die alte geheimnißvolle Kraft der Herzen verachten läßt.“ Umsonst sagt er sich und seinen Lebensplänen zum Trotz: „die Ueberlegung findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der That“; die Menschen machen einen falschen Gebrauch von ihr; während sie das Gefühl für künftige Fälle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur die That, die sich aus der augenblicklichen Eingebung, nicht aus der Berechnung ergiebt. Er hat Recht, denn die That ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer wirklich handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt nicht. Doch zum stoßweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht es ihm weder an Entschluß noch Kraft; mit dem rasenden Muthe eines verzweifelnden Spielers will er dann alles auf eine Nummer setzen, er greift über sein Ziel hinaus, und was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als klägliche Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus? Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand ahnt den Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht nicht hin, die Seele und die Dinge zu begreifen. Und an dieses räthselhafte Ding, „das wir besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht wohin, ob wir darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts werth ist, wenn sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig und unergründlich“, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt durch Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, wir mögen thun, was wir wollen, wir thun recht! Fürwahr jene orakelhaften Verse, die in Thun über der Hausthüre zu lesen waren, und die Kleist so liebte: