Ich komme, ich weiß nicht von wo,

Ich bin, ich weiß nicht was,

Ich fahre, ich weiß nicht wohin;

waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers:

Mich wundert, daß ich so fröhlich bin!

paßte auf ihn nicht.[24]

In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich auferlegt hat, vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; nun er sie abgeworfen hat, und die Skeptik ihm auch das Handeln verleidet, durchbrechen Gefühl und Phantasie, so lange gewaltsam zurückgehalten, jeden Damm um so mächtiger. Nur seinem Herzen will er folgen, er ist überzeugt, wenn ein Werk nur recht frei aus dem Schooße des menschlichen Gemüths hervorgehe, dann müsse es auch der ganzen Menschheit angehören. Vergessene oder ungeahnte Kräfte regen sich, aus der Fülle lebendiger Anschauungen beginnt die Phantasie ihre schaffende Thätigkeit, er fühlt sich als Schöpfer ideeller Gestalten. Als Künstler winkt ihm jetzt ein höchstes Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen soll ein Platz unter den Sternen nicht fehlen. Es gehört zu den Dunkelheiten in Kleist’s Leben, daß die Zeit, wo er sich der Dichtung entschieden zuwandte, nicht mit Sicherheit festzustellen ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische Zwecke zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewühle, versenkt er sich in seine Phantasien; wie ein stiller Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in seiner Seele wieder auf, und zum ersten Mal verräth er, daß er ein dichterisches Geheimniß habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer. Rastlos arbeitet er. Während ihm angstvoll das Höchste zu erreichen, der Schweiß von der Stirne rinnt, und er jeden Blutstropfen seines Herzens für den Buchstaben geben möchte, entflieht die Begeisterung, der Verstand schleicht herbei, und indem er einzelne Mängel aufdeckt, flüstert er ihm hämisch und selbstquälerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm doch nicht gegeben. Was soll er länger die Kraft an ein Werk setzen, das ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu Grunde, verzweifelnd zerstört er mit eigener Hand ein Dichterwerk, das auf den höchsten Ruhm Anspruch hat, kaum in irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als jetzt, wo er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht, sondern sich vor der Größe eines kommenden, ein Jahrtausend im Voraus beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er gewollt hat, ist ein Denkmal gewiß![25]

Doch irgendwo muß es auch für ihn einen Balsam geben; schon der bloße Glaube daran stärkt ihn. Aber wo? Mit dem Waffenhandwerk und der Kantischen Philosophie hat er es versucht, mit Hebeln und Schrauben will er die Natur bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fühlt sich bald als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; überall tritt seinen Plänen ein dunkles Etwas entgegen, das sie mit furchtbarer Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und ihn selbst hin- und widerwirft. Mit dem Forschen, Dichten, Handeln hat er es versucht, überall Stück- und Flickwerk gefunden, während seiner Seele das Ganze vorschwebt; abhängig, bedingt in allem fühlt er sich, und nach dem Letzten, Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, stürzt er, der strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen Geheimnisses, wo er das Ganze in seinem Urzusammenhange zu erfassen meint.

Auch das ist ein Räthsel in Kleist’s Leben, wann er sich dieser dunkeln Richtung, die ein Ergebniß seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit war, zuerst überlassen habe. In den vertraulichen Briefen findet sich kaum eine Spur davon, sie sind nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder rationell scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Härte durchaus realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach dem Unglück von 1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele und gleichzeitig die Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser dunkle Schatten zuerst im Kohlhaas, milder im Käthchen von Heilbronn, dessen erste Bruchstücke im Mai 1808 erschienen, und in voller Stärke in den Beiträgen zu den Abendblättern. Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im Frühjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit seiner Zelle, beschäftigt er sich dichterisch. Aber immer düsterer scheinen sich die Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. So zerrten ihn abstracter Verstand und verzehrendes Gefühl, trockner Schematismus und glühende Phantasie, gemeine Deutlichkeit und dunkle Mystik, himmelstürmender Muth und ermattende Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und her. Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand hemmte die Phantasie, beide lähmten die Kraft des Handelns, gegenseitig verdarben sie ihr Spiel. Jede allein hätte einen tüchtigen Menschen ausstatten können, sie alle in diesem Maße vereinigt, vernichteten den Besitzer, der für sein Glück zu viel oder zu wenig hatte. Das fühlte er nur allzuwohl; in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: „Die Hölle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar keins!“ So ward er immer bitterer gegen die Menschen, die ihn nicht verstehen, nicht verstehen können, denn er versteht sich selber nicht![26] Hätte Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf, eine große sittliche Kraft in sich getragen, er hätte den Streit seines Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz zur Ruhe gebracht; hätte er die Selbstbescheidung besessen, ein Talent still anzubauen, sei es, der wissenschaftlichen Forschung, oder, wozu er gewiß viel höhern Beruf hatte, allein der Poesie zu leben, vielleicht daß er gerettet worden wäre!

Diesen Zwiespalt, den er überall wiederfand, hat er in seinen Dichtungen unter verschiedenen Formen dargestellt, jene geheimnißvolle Wandelung, wie Menschen und Verhältnisse in räthselhafter Verkettung ihre ursprüngliche Natur und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht werden wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten Absicht wächst das Verderben empor, und wie zum Hohne menschlicher Weisheit, führt der Frevel zur Versöhnung. Durch den abgeschmackten Aberglauben eines einfältigen Mädchens gehen blutsverwandte Familien in den Schroffensteinern zu Grunde; Penthesilea’s heiße Liebe verzerrt sich zum todbringenden Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefühl zum Verbrecher und Landschädiger, und für zwei Pferde fallen Menschen und Städte als Sühnopfer; die Selbstverleugnung der jungen Creolin bringt ihr den Tod von der Hand des Geliebten; der ritterliche Kämpfer für Tugend und Recht erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling wird der väterliche Wohlthäter von der Schlange, die er im Busen erwärmt hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische Frevel in der Marquise v. O. wider aller Menschen Erwarten zur sühnenden Liebe; im Erdbeben von Chili werden durch den Untergang Tausender in einem plötzlichen Naturereigniß im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf während des Dankgebetes für die wunderbare Rettung desto furchtbarer zu erleiden; und in der heiligen Cäcilie werden die Sünder zu Boden geschmettert, als sie die Hände zum Tempelraube erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der Wahnsinn durch den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Väter (I, 3, 3) eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint dieselbe Ansicht in dem „allerneuesten Erziehungsplan“ (I, 5, 1), der eine Schule der Tugend durch das Laster zu errichten vorschlägt. Milder sind Käthchen von Heilbronn und der Prinz von Homburg. Dort wird der ritterliche Starrsinn durch die reine Natur des einfachen Mädchens unterworfen, hier wird der Prinz träumend ein rettender Schlachtenheld, um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine großartige Wendung erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; aus der tiefsten Knechtschaft erwächst die Freiheit, darin liegt hier zugleich die Versöhnung. Aber überwiegend sind es Nachtstücke, fern von allem Idealismus der classischen Periode.