Zwei Tage der Hoffnung waren ihr noch beschieden am Abend ihres kurzen Lebens. Sie kehrt zurück in ihr geliebtes Berlin, und als sie durch das Königstor einzog in dem neuen Wagen, den ihr die verarmte Stadt verehrt, nahebei der König zu Roß und die beiden ältesten Söhne im Zuge ihres Regiments, da begrüßten die dichtgedrängten Massen den Hof wie die Truppen mit herzlichem Willkommruf; Preußens Volk und Heer, die einander so bitter gescholten und angeklagt, feierten ihre Versöhnung, um fortan einig zu bleiben für alle Zukunft. Bald nachher, wenige Tage bevor die Königin ihre letzte Reise antrat, entließ Friedrich Wilhelm das Ministerium Altenstein; er verwarf die Abtretung von Schlesien, die ihm seine kleinmütigen Räte zumuteten, und berief Hardenberg an die Spitze der Geschäfte. Mit dem neuen Staatskanzler kam frisches Leben in die Verwaltung; er führte das Werk der Reformen des Freiherrn vom Stein kühn und besonnen weiter und bereitete durch ein viel verkanntes kluges diplomatisches Spiel die große Erhebung vor, während Scharnhorst die Waffen schärfte für den Tag der Befreiung. Diesen Tag zu erleben hatte Luise nie gehofft. Ihr zarter Körper erlag dem verzehrenden Kummer. In ihrer Heimat, in den Armen des Gatten ist sie den Tod der Christin gestorben. Die letzten Zeilen ihrer Feder lauteten: „Ich bin heute so glücklich, liebster Vater, als Ihre Tochter und als die Frau des Besten der Männer.” Das gesamte Volk trauerte mit dem Witwer; doch auf dem Leben des schwergeprüften Fürsten blieb ein dunkler Schatten; niemals, auch nicht in den Tagen der leuchtenden Siege, hat er das starke, schwellende Gefühl des Glückes wiedergefunden.

Ohne jede Ahnung des eigenen Wertes, wie sie immer war, hat die Königin einst selber ausgesprochen, was sie von dem Urteil der Geschichte erwartete: „Die Nachwelt wird mich nicht zu den berühmten Frauen zählen; aber möge sie von mir sagen: sie duldete viel, sie harrte aus im Dulden und sie gab Kindern das Dasein, welche besserer Zeiten würdig waren, sie herbeizuführen gestrebt und endlich sie errungen haben.” Wie über alles menschliche Hoffen hinaus ist diese demütig-stolze Erwartung in Erfüllung gegangen! Die historische Wissenschaft führt ihre denkenden Jünger zurück zu dem schlichten Glauben, daß der Eltern Segen den Kindern Häuser baut; denn sie lehrt, wie die Vergangenheit fortwirkt mitten in der lärmenden Gegenwart, und das Leben des Menschen nicht abschließt mit dem letzten Atemzuge. Nur wenigen Glücklichen ist ein so reiches Leben nach dem Tode beschieden gewesen, wie dieser deutschen Königin. Die Hoffnung besserer Zeiten war in der Tat, wie Schleiermachers Trauerpredigt sagte, ihr köstlichstes Vermächtnis. Wer noch deutschen Stolz im Herzen trug, gedachte ihres Ausspruchs: „Wir gehen unter mit Ehren, geachtet von Nationen, und werden ewig Freunde haben, weil wir sie verdienen.” Der alte Blücher meinte grimmig, da er die Nachricht ihres Todes empfing: „Wenn die Welt in die Luft flöge, mir wär’ es recht.” Als endlich die Stunde der Erhebung schlug, da stiftete der König an Luisens Geburtstage den Orden des Eisernen Kreuzes, als ob er ihren Schutz anrufen wollte für den heiligen Krieg. Wer weiß es nicht aus den Liedern Theodor Körners, wie das Verlangen, die zu Tode gequälte Königin an dem ungroßmütigen Sieger zu rächen, die tapfere Jugend des Befreiungskrieges entflammte? Wer spürte nicht in dem gottesfürchtigen, menschenfreundlichen Sinne jener Heldenscharen einen Hauch von dem Geiste der Verklärten? Da der Friede kam, zogen jahraus jahrein Tausende zu dem stillen Tempel in Charlottenburg, und wahrlich nicht bloß um das Werk des Künstlers zu bewundern, dem die Tote einst selber den Weg zu großem Schaffen ebnete, sondern um sich das Herz zu erquicken an dem Anblick eines geliebten Menschenbildes. Die beiden gewaltigen Könige unseres achtzehnten Jahrhunderts wurden geehrt und gefürchtet, wenig geliebt. Mit dem Hause der Königin Luise lebte und litt das Land; seitdem erst entstand zwischen den Hohenzollern und ihrem Volke jenes einfach menschliche Verständnis, das die Leidenschaften der Parteien nie zerstören konnten.

Wenn ich die Stimmung recht verstehe, welche an dem Gedenktage der Königin über unserer Stadt und über diesem Saale liegt, so ist uns allen zumute, als ob wir heute die ruhevolle Hoheit der lieblichen Gestalt mit eigenen Augen erblickt hätten. Zeiten des Glückes sind stark im Vergessen; diese Tote aber ward ihrem Volke nach jedem neuen Siege lieber und vertrauter. Die Mutter schrieb ihr klagendes: Ade Germania! Ihrem Sohne beschied ein wundervolles Geschick, den Morgen eines langersehnten neuen Tages über sein Volk heraufzuführen, mit seinem guten Schwerte die Herrlichkeit des Deutschen Reiches wieder aufzurichten. An dem Grabe seiner Eltern — wir alle erlebten es ja mit tief erschüttertem Herzen — hat der Sohn sich Mut und Kraft gesucht für die Schlachten des großen Krieges, für den steilen Weg zur kaiserlichen Krone.

Fern sei es von uns, heute einen verjährten Haß gewaltsam zu beleben, der seinen Sinn verloren hat, seit Frankreich längst die Buße seiner Schuld gezahlt, oder dies und jenes Wort der Königin leichtfertig auszubeuten für die Parteizwecke der Gegenwart. Wir werden das Andenken der Mutter unseres Kaisers dann am würdigsten ehren, wenn wir auch in den Tagen der Siege die Demut des Herzens und die stolze Geringschätzung der endlichen Güter des Lebens uns erhalten, wenn wir in diesem männischen Jahrhundert, unter den Hammerschlägen hastiger Arbeit und dem Lärmen der politischen Kämpfe die alte deutsche ritterliche Ehrfurcht vor Frauensitte und Frauenanmut uns bewahren, vor jenen menschlichen Tugenden, welche dem Ruhm und der Macht der Völker allein die Gewähr der Dauer geben.


Stein

[Stein.]

Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein wurde den 26. Oktober 1757 zu Nassau an der Lahn „von sehr achtungswerten Eltern geboren und — so erzählt er selbst — unter dem Einflusse ihres religiösen, echt deutschritterlichen Beispiels auf dem Lande erzogen; die Ideen von Frömmigkeit, Vaterlandsliebe, Standes- und Familienehre, Pflicht das Leben zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden und die hierzu erforderliche Tüchtigkeit durch Fleiß und Anstrengung zu erwerben, wurden durch ihr Beispiel und Lehre tief meinem jungen Gemüte eingeprägt”. Er lernte, nach aristokratischer Weise, sich der Gewalt des Hauses zu beugen; ein Beschluß der Eltern bestimmte ihn, den jüngsten Sohn, zum alleinigen Erben und Stammhalter des uralten, reichsfreien Geschlechts. Die Welt des Schönen ergriff ihn weniger mächtig als die meisten Söhne seines Jahrhunderts. Sein kräftiger, auf das Wirkliche gerichteter Geist versenkte sich früh in die historischen Dinge. Er sah in der Geschichte nicht bloß eine Fundgrube politischer Erkenntnis, sondern vornehmlich eine Schule des sittlichen Ernstes und jener strengen, tief religiösen Frömmigkeit, die er sich in den Tagen der Aufklärung unwandelbar bewahrte. Als die sittlichen Vorbilder seines Lebens nennt er selbst seine Mutter (eine Langwerth von Simmern) und den Minister v. Heynitz. Er besuchte Göttingen, Wetzlar, Regensburg, Wien, um sich, nach dem Wunsche der Eltern, auf eine Laufbahn an den Reichsgerichten vorzubereiten. Mit Vorliebe trieb er während diesen akademischen Jahren das Studium der englischen Geschichte und Politik; Adam Smiths Werke wurden bestimmend für seine politische Bildung. In Brandes und Rehberg fand er gleichgesinnte Freunde, Männer, ergriffen von den Ideen des philosophischen Jahrhunderts, doch zugleich auf das historisch Gewordene mit einer andächtigen Ehrfurcht schauend, welche den meisten Zeitgenossen abging. Der sittliche Ernst, der kräftige realistische Sinn des jungen Mannes fand keine Freude an dem unwahren, verrotteten Treiben des Reichsgerichts. Ein Bewunderer Friedrichs des Großen und eifriger Protestant, entschloß er sich im Jahre 1780, weit abweichend von den Gewohnheiten des Reichsadels und seines eigenen Hauses, in preußische Dienste zu treten.